PetriVisionen ZAHLEN

[∞] – wo endet die Unendlichkeit?   01. November 2008, 23 Uhr

Turritopsis nutricula. Das ist der Name einer Qualle. Sicher gibt es schönere Geschöpfe Gottes, interessantere und differenziertere. Doch ist etwas einzigartig an Turritopsis nutricula. Durch einen Zellwandlungsprozess kann diese Quallenart sich nach Erreichen der Geschlechtsreife wieder in ein Kindheitsstadium zurückverwandeln. Und diesen Prozess kann sie so gut wie unbegrenzt wiederholen. Und damit erfüllt sie in sich - zumindest ansatzweise und gleichnishaft - eine Sehnsucht, von der sie selbst wohl kaum etwas weiß, eine Sehnsucht nach der Menschen Art: Unsterblichkeit, Unendlichkeit, Ewigkeit.

Wir Menschen und unser lebensunbescheidenes Gemüt. Wir ergreifen unser Leben und halten daran fest, versuchen Spuren zu hinterlassen, messen selbst spärlichen künstlerischen Hinterlassenschaften Verewigungsabsichten zu. Wir entwickeln Kühltruhen, in denen Verstorbene eines baldigen medizinischen Fortschritts harren und züchten aus Erbgut Organe für vielleicht bald reale Ersatzteillager. Wir träumen vorweltliche Existenzen unserer selbst als irrlichternde Seelen oder Engelswesen, mutmaßen über frühere Leben und streben späteren entgegen. Wir lassen Götter sterben und wieder auferstehen, auf dass wir folgen können in einen Garten oder eine himmlische Stadt. Umzüge in Welten, die sich den Gesetzen der Vergänglichkeit nicht unterwerfen. "Siebzig Jahre, wenn es hoch kommt, sind es achtzig", diese kurze Spanne scheint nur schwer erträglich zu sein.

Ich habe Kinder beerdigen müssen, Säuglinge sogar. Habe mich hilflos bemüht um Gedanken und Gesten des Trostes für verwaiste Eltern und fassungslose Geschwister. Und ich habe dabei die Achillesferse meiner Selbstverpflichtung zur kritischen Vernunft entdeckt. Bin ratlos geworden angesichts eines Schöpfungsimpulses, dem keine Entfaltung gewährt worden war. Wohin geht das Leben, das nicht weiter leben darf? Habe ich, um nicht stumm zu bleiben in meiner seelsorgerlichen Bemühung, habe ich mir die Finger verbrannt an poetisch generierten Hoffnungsfunken, für die ich als aufgeklärter Geist sonst doch keine Hand ins Feuer legen würde? Dass etwas vergeht, ist so schwer zu fassen. Haben wir Teil an Unendlichkeit und Ewigkeit? Gibt es so etwas überhaupt?

Nun, es sage mir einer ausdrücklich, wer oder was Gott ist, und ich will diesem Wer-oder-Was gern Ewigkeit einräumen. Unendlichkeit ist denkbar, wenn auch die Begrenztheit unseres Verstandes ein vollständiges Begreifen nicht möglich macht. Ich kann versuchen, mir die hoch disziplinierten Abstraktionen der Mathematik zu Gemüt zu führen und scheitere letztlich doch daran. Ich kann fasziniert zur Kenntnis nehmen, dass die so genannte Vielwelten-Interpretation der Quantenmechanik sogar Unsterblichkeit für wahrscheinlich hält, da es dieser Theorie zufolge immer ein Universum geben müsste, in dem ein betrachtetes Wesen gerade am Leben ist. Ich kann mich mystischen Intuitionen über Sein und Nichtsein hingeben, stundenlang darüber grübeln und hinterher sorgenvoll die Tassen in meinem Schrank nachzählen.

Ist es wirklich so wichtig, unendlich, unsterblich und ewig zu sein? Oder ist es nur eine Undankbarkeit, die uns danach trachten lässt. Jede Sekunde Leben ist doch ein Wunder! Jede Sekunde Leben ist die Möglichkeit, das Größere zu ahnen, dessen bescheidener Teil wir sind für einen Augenblick. Was stirbt, ist nicht verloren, denn es hat gelebt. Bleiben ist nicht die Bedingung von Sein. Andreas Gryphius dichtete: "Mein sind die Tage nicht, die mir die Zeit genommen. Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen. Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in Acht, so ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht."

Die Religion weiß voller Einsicht um die Vergänglichkeit des Lebens. Die Religion ist zugleich die Energie, die uns über die Endlichkeiten hinaus fragen lässt. Und wenn sie da spricht von Wiedergeburt und Auferstehung, von künftigen Welten und ewigem Leben: meint sie dann wirklich ein substanzielles Danach, ein essentielles Jenseits-Von? Oder geht es nicht vielmehr um das Unendliche im Hier und Jetzt, wie es in der Liebe, in der Erkenntnis des Geistes, im vollendeten Klang einer wunderbaren Musik aufscheint, in dem Augenblick der Dankbarkeit mitten im Vergänglichen?

"Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden." Die Weisheit des 90. Psalms über Zeit und Ewigkeit. Klug werden. Das ist vielleicht die größte Herausforderung unseres von Zeit begrenzten und ewigkeitsoffenen Lebens. Klugheit ist immer wieder das, woran wir scheitern. Turritopsis nutricula. Die Quallen in unseren Köpfen. Albert Einstein sagte: "Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit. Beim Universum bin ich mir nicht ganz sicher."

(Pastor Dr. Bernd Schwarze)

Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck


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