PetriVisionen ZAHLEN |
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[π] – wann schließt sich der Kreis? 23. Dezember 2008, 23 Uhr Und es begab sich - lange Zeit vor unserer Zeit. In einem Land, südöstlich gelegen, nicht weit entfernt vom Mittelmeer. Da erbauten Menschen eine schlichte zeichenhafte Herberge für die Lösung vieler Probleme unserer Welt. Ob es Hirten oder Engel oder Weise waren, die diese Stätte errichteten, das können wir heute nicht mehr sagen. Es war nicht mal ein Haus, es war viel bescheidener als das. Zwei schiere Säulen als seitliche Wände, in sich gebogen, wie aus gewachsenem Holz, die wurden senkrecht aufgestellt. Und darüber legten sie waagerecht ein drittes Holz, auf dass es den vertikal gerichteten Seiten zu einem Halt und einem sicheren Dach gereiche. Ein kleiner sich wölbender Überhang dieses Balkens neigt sich leicht zur Erde hin, so dass es scheint, als tropfe von dort der Tau einer Schneebedeckung zur Erde, obgleich es doch in jenen Breiten nur äußerst selten schneit. Nein, dies ist nicht der Stall von Bethlehem, auch wenn das Erzählspiel Sie das glauben machen wollte. Das beschriebene Gebilde entstand bei den Griechen und nicht im Westjordanland. Es war nicht groß genug, um eine Krippe zu bergen. Das Holz bestand vielleicht aus Buchenstäbchen, für einen Buchstaben halt. Es war das alphabetische und später mathematische Zeichen Pi. Das Pi und der Stall: die Ähnlichkeit des Bildeindrucks dieser beiden Zeichen mag reiner Zufall sein. Doch wenn man mal bedenkt, wofür die beiden stehen, und um der Lösung welcher Fragen willen sie erfunden wurden, dann haben Pi und Stall überraschend viel gemein. Pi, die transzendente Zahl. Sie verweist in einen Bereich, wo das, was Mathematik und Logik darstellen können, an seine Grenzen kommt. Strecken und Geraden bilden mathematisch die normale Welt. Der Kreis kommt von woanders her, kann nur durch Annäherung begriffen werden. "Wie soll ich dich empfangen, und wie begegn' ich dir?" Nur ein paar Stellen hinter der Drei, nach dem Komma, und schon mag menschlichem Auge und Verstand die Kreisform einleuchten. Und doch ist man immer noch unendlich weit von ihr entfernt. Wie nah soll Gott den Menschen gekommen sein in jener Nacht im Stall von Bethlehem? Exakt und deckungsgleich, damit unser Bild vom Universum endlich rund und schön und heil werde? Oder nur fürs Auge haarscharf dran, und im Detail ist der Abstand noch himmelweit Lösungen, Erlösungen und Fragen, die offen bleiben. Den Namen Pi gaben die Mathematiker dieser besonderen Zahl wahrscheinlich, weil es der Anfangsbuchstabe von periphereia war. Das Periphere, das was außen herum, was am Rande trägt. In der Weihnachtsgeschichte rückt der Rand, der diffuse und nicht fassbare Außenrahmen der Umwölbung des Universums, in den Mittelpunkt des Bildes hinein. So dichtete Martin Luther weihnachtlich: "Den aller Welt Kreis nie beschloss, der liegt in Marien Schoß". Und Lichtkreise umgeben die bildlichen Darstellungen des Geschehens, als Gloriolen um die Häupter der handelnden Personen oder auch als einen runden Lichthof, der die Peripherie der Bethlehem-Szenerie erglänzen lässt. Und wie die Idee des perfekten Kreises, weckt das Krippenbild die Sehnsucht nach dem heilen und in sich abgerundeten Leben. Ist so ein Bild real? Pi ist eine reelle Zahl, aber keine rationale. Dass sie nicht rational ist, bedeutet nicht in erster Linie, dass der Verstand sie nicht fassen kann. Mathematisch bedeutet dies zunächst, dass Pi nicht als Verhältnis von Zahlen, also nicht in Form eines Bruches dargestellt werden kann. Kein Bruch. Ist eine Welt ohne Brüche real? Man muss schon recht viel ausblenden aus der Weihnachtsgeschichte, will man in ihr die heile Welt und das Vollkommene sehen. Da ist gar nicht so viel Heil in der Geburtsgeschichte Jesu. Da ist Verfolgung und Armut und Todesgefahr, da ist in einen hoffnungsvollen Anfang das Scheitern und der Tod gleich mit eingezeichnet. Wie klug hat Johann Sebastian Bach das verarbeitet, als er im Weihnachtsoratorium den Choral "Wie soll ich dich empfangen" mit den Tönen verband, die man aus "O Haupt voll Blut und Wunden" kannte! Leben heißt, mit Brüchen zu rechnen. Annäherung an einen Kreis, Annäherung an einen Stall. Wie weit reicht unser Bemühen zu verstehen? Im Anfangsbuch der Bibel in Kapitel 3, 14 (Genesis Drei Komma Eins Vier) verflucht Gott die Schlange, weil sie den Menschen verführt hat, nach Erkenntnis zu trachten. Doch seitdem fragen, zweifeln, forschen, rechnen wir. Erkennen in Gott nicht mehr die Selbstverständlichkeit unseres Lebens, sondern die große und vielleicht nicht zu beantwortende letzte Frage. Ich habe das vergangene halbe Jahr in der Zusammenarbeit mit den Mathematikern über die Welt der Zahlen als ausgesprochen inspirierend erlebt. Und manchmal habe ich bei mir gedacht, nicht die Theologen, sondern diese Rechenkünstler sind die wahrhaft religiösen Menschen. Mystiker eines geheimen, weil den meisten doch unverständlich bleibenden, und dabei aber immer logischen Universums der Zahlen. Und am Ende aller Forschung mag die Welt doch eine schlichte Formel sein. Wir anderen, wir können nur sehnen und träumen. Lasset uns sehnen nach Bethlehems Stall. Dort werden wir es finden - in unserem Traum: das letzte Zeichen in der Ziffernfolge, die vor aller Zeit mit 3,14 begann. (Pastor Dr. Bernd Schwarze) Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck |
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