[π] – wann schließt sich der Kreis? 23. Dezember 2008, 23 Uhr
Die Perfektion des Kreises - oder: Der geheime Plan hinter der Schönheit
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Leonardo da Vinci: Proportionsstudie nach Vitruv, um 1505 (Venedig, Galleria dell' Academia) |
Ein Kreis - vollkommen. Ein Quadrat - vollkommen. Die beiden zusammen der perfekte Rahmen für den vollkommenen Menschen, den "Homo bene figuratus", dessen Nabel genau mit dem Mittelpunkt des Kreises zusammenfällt. Die Zeichnung von Leonardo da Vinci, die sich heute auf jeder italienischen Ein-Euro-Münze findet, charakterisiert das ästhetische Weltbild der Renaissance aufs Treffendste - Schönheit und Mathematik sind Geschwister.
Musik ist Mathematik
Dieses Credo geht zurück auf einen alten Griechen, der Ihnen schon aus der Schulzeit bekannt ist: a2 + b2 = c2 ... - richtig, der Satz des Pythagoras! Sein Entdecker war so etwas wie der Guru eines wissenschaftlich-spirituellen Ashrams, welcher einer Art Zahlenreligion huldigte.
Neben Mathematik beschäftigte sich Pythagoras mit Musik - und machte eines Tages eine bahnbrechende Entdeckung: Wenn man eine Saite in einfachen ganzzahligen Verhältnissen teilt, entstehen wohlklingende Intervalle - je einfacher das Teilungsverhältnis, desto harmonischer, je komplizierter desto dissonanter.
Pythagoras schloss daraus, dass hinter der Welt mit ihrer Vielfalt an Formen und Erscheinungen eine verborgene Ordnung stehen muss - eine Ordnung, in der Mathematik und Schönheit aufs Innigste verbunden sind. Für Schönheit verwendete Pythagoras übrigens den Begriff "Kosmos"- eigentlich "Ordnung" - der heute noch in unserem Wort Kosmetik oder kosmetische Operation mitschwingt.
Harmonie der Sphären
Pythagoras war überzeugt, dass auch das Weltall nach dem Harmonie-Prinzip konstruiert sein müsse - dass sich die Planeten (acht an der Zahl wie die Stufen der Tonleiter) auf perfekten Kreisbahnen bewegen und alle ihre jeweils eigenen Töne von sich geben, deren Zusammenklang die perfekteste Harmonie überhaupt ergeben müsse, die Harmonie der Sphären.
Dasselbe Prinzip galt selbstverständlich für den menschlichen Körper - hier heißt das Schlagwort "Proportion" - worunter das "richtige" Verhältnis der einzelnen Teile zueinander gemeint war. Und richtig war, was dem Gesetz der Einfachheit gehorchte, das an Saiteninstrumenten so schöne Harmonien ergab. Für die griechischen Bildhauer war es absolut ausgemacht, dass ein Arm dreimal so lang wie die Hand sein musste, um schön zu sein. Ein krummes Verhältnis, sagen wir 2,7, konnte nur hässlich sein.
Renaissance: Die Suche nach der idealen Proportion
Das mathematisch-musikalische Prinzip der Antike wurde von der Renaissance begierig aufgenommen - Leonardo und seine Künstlerkollegen zerbrachen sich über die "richtigen" Proportionen den Kopf, vermaßen die antiken Statuen auf den Millimeter genau. Bald kursierten alle möglichen "Idealmaße", für den Körper genauso wie für das Gesicht.
Laut Vitruv hat der "wohlgestaltete Mensch" ein gleichmäßig in horizontale Drittel aufgeteiltes Gesicht. Nach Dürer dagegen soll das Gesicht aus vier gleich großen Teilen bestehen, während sich für Leonardo da Vinci ein schönes Gesicht durch die regelrechte Siebenteilung auszeichnet.
Was sagt die Wissenschaft?
Was ist von der antiken Schönheitsformel übrig geblieben?
Um es gleich zu sagen - nicht viel.
Natürlich - als Mythos leben die "klassischen" Schönheitsideale fröhlich weiter, Leonardo hat immer Konjunktur, gerade im Bürgertum, gerne auch vermengt mit der idealistischen (und letztlich ebenfalls auf die Griechen zurückgehenden) Gleichsetzung des Schönen mit dem Guten und Wahren.
Aber in der lebendigen Kunst ist die jahrhundertealte Herrschaft des klassischen Kanons längst zu Ende. Die Moderne stellt das subjektive Empfinden des Künstlers ganz in den Mittelpunkt, die Suche nach ewig gültigen Konstanten wurde mangels Interesse eingestellt.
Auch in der modernen Wissenschaft hat die antike Proportionsformel keinen Bestand. Wenn Attraktivitätsforscher beispielsweise attraktive Gesichter mit weniger attraktiven Gesichtern vergleichen, kommen klassische "Idealmaße" in der attraktiven Gruppe nicht häufiger vor. Der klassische Regelkanon - so einer der führenden Schönheitsforscher - "repräsentiert keine echten Menschen" - von schönen Menschen ganz zu schweigen.
Schönheit ist mehr
Der Pythagoräische Masterplan von der Schönheit ist an der Realität gescheitert. Der Kreis mag als Kreis perfekt sein, das Quadrat als Quadrat, eine Zahl als Zahl - aber in der realen Welt, wie wir Menschen sie besiedeln, ist Schönheit - leider - oder soll ich sagen zum Glück? - komplexer.
Die Sprache der Schönheit ist nicht in Zahlen geschrieben - zumindest nicht in den einfachen Zahlen und Formen, die die Antike so liebte.
Albrecht Dürer mag es geahnt haben - nachdem er zeitlebens den "richtigen" Proportionen nachgejagt war, hat er am Ende offenbar den Glauben an die einfachen Antworten verloren: "Schönheit" - sagte er, "Schönheit - was das sey, weiß ich nit, obwohl sie vielen Dingen anhanget."
Ja, liebe Zuhörer - was Schönheit sei? - Die alte Frage ist ja neuerdings ins Fadenkreuz der modernen Wissenschaft geraten. Was die für Antworten gefunden hat, und wo sie keine gefunden hat - das ist aber eine ganz andere Geschichte, die vielleicht ein andermal zu erzählen wäre …
(Dr. Ulrich Renz)
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