PetriVisionen ZAHLEN

1,2,3 – was zählt?   06. September 2008, 23 Uhr

1, 2, 3, was zählt! Wir stehen hier in St. Petri und in dessen Mitte ist die große Installation von Lilli Engel und Raffael Rheinsberg aufgebaut: tausende Stücke aus der Industrieproduktion zu einem Feld auf dem Boden ausgelegt, tonnenschwer und riesengroße Bilder zwischen den Jochen im Mittelschiff hängend, im Dialog mit diesem Feld in der Horizontalen, deren Titel Daten wie 1. September 1939 und 31. Januar 1943 sind und wiederum Zahlen enthalten, die uns aufmerken lassen. BASMALA: im Namen Gottes, des Allergnädigsten, des Ruhmreichsten. 1, 2, 3, was zählt. Zahlen markieren auch Daten. 1. September 1939, Beginn des letzten Weltkrieges und auch das Geburtsjahr von Lilli Engel, 31. Januar 1943, Stalingrad und auch das Geburtsjahr von Raffael Rheinsberg. Und der Krieg ist – leider und immer noch – nicht zu Ende. Das heißt hier auch das Nachdenken über Kreuzritter und Terroristen. Und alles im Namen Gottes. Diese Installation dieser beiden Künstler ist ein originärer Beitrag zu unserem Thema: 1, 2, 3, was zählt. Der große Raum von St. Petri, die spätgotische Hallenkirche ist selbst im Dialog mit der Geschichte: gebaut, erweitert, zerstört und wieder aufgebaut: BASMALA, im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Erbarmers. Die anderen Bilder tragen als Titel die Namen afghanischer Städte wie Kandahar und Kundus.

Können wir bei Engel und Rheinsberg sehen, wie Zahlen als Jahreszahlen ein Leben bestimmen, möchte ich Sie heute Abend noch mit einem weiteren Künstler bekannt machen, in dessen Werk die Zahlen, 1, 2, 3, was zählt, ganz elementar werden. Der 1931 geborene Pole Roman Opalka entschied sich 1965 die Zeit mit den Zeichen der Zahlen darzustellen und festzuhalten: 1965/1 - 8 heißt dieses Projekt eines letzten, vollendeten Kunstwerkes. Seit diesem Zeitpunkt – etwa in der Mitte des Lebens stehend – schreibt, malt Roman Opalka, beginnend mit der Zahl 1 alle weiteren fortlaufenden Zahlen auf eine Leinwand festgelegter Größe von 196 x 135 cm, mit dem kleinsten verfügbaren Pinsel (Nr. 0) und weißer Farbe auf schwarzem Grund. Dieses erste Bild endet mit der Zahl 35 327 am rechten unteren Rand der Bildtafel. Er nennt es Detail. Alle weiteren Bilder werden diesen Titel tragen, denn die hier in Nummern, in Zahlen festgehaltene Zeit ist jeweils Detail. Dann entschließt er sich von 1972 an von Bild zu Bild, von Detail zu Detail den Untergrund um jeweils 1 % mehr Weiß aufzuhellen, so dass er in fernerer Distanz irgendwann weiße Zahlen auf weißem Grund schreiben wird, die Malerei also zur unschuldigen weißen Fläche, zum Absoluten gesteigert erscheinen wird. Thomas Deecke schrieb einmal über diesen Künstler: "Opalka setzt seiner Vorstellung von einer ununterbrochenen Existenz des Seins, in dem der Mensch nur ein Teil, ein Detail ist, das lineare Werk in seiner Spur des Malens und Schreibens von Zahlen entgegen." Opalka selbst schreibt dazu: "Ich habe "carpe diem" mit "memento mori" verbunden, denn das ist das Leben: "pantha rhei".

1, 2, 3, was zählt? Die Akkumulationen gleicher Zahlen sind anfangs noch unspektakulär wie 22, 333, 4444, die fünfache fünf 55 555. Die siebenfache 7, also 7 777 777 erscheint noch als vage Möglichkeit. Der Künstler lebt noch und malt an seinem vollkommenen Detailwerk. Doch die achtmalige acht zu schreiben, zu malen, wird unmöglich sein. Er schreibt selbst: "auch wenn ich am Tage, an dem ich zählen lernte oder sogar am Tage meiner Geburt gleich mit dem Wortwerk begonnen hätte, wäre es mir unmöglich gewesen, die nächste Etappe je zu erreichen, die nur als virtuelles Bild fassbar ist und in allen gemalten oder auch nur gesprochenen Zahlenprogressionen seit der 1 außerhalb menschlicher Reichweite bleiben wird: ich meine die Zahl acht mal acht, also 88 888 888." Die 8 ist in China die Glückszahl. Wir stehen staunend vor diesem Ergebnis größten Respekts vor dem Leben, das zeitlich ist. Und wir können einen Bogen zur arabischen Gebetsformel BASMALA schlagen, denn die Zahlen, die wir benutzen, sind die arabischen Zahlen. Aus Arabien kommt das Zahlenwerk, das unserer Zivilisation einen prägenden Stempel aufgedrückt hat. Und das letzte, kleinste Bild von Lilli Engel an der südlichen Westwand gibt uns Hoffnung mit auf den Weg, es hat einen Vers von Bertolt Brecht zum Titel: Ihr aber, wenn es soweit sein wird/Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist/Gedenkt unsrer/Mit Nachsicht.

(Prof. Valentin Rothmaler)

Herr Prof. Valentin Rothmaler ist Kunstkurator an St. Petri zu Lübeck


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