PetriVisionen ZAHLEN

[0] – wie nichtig ist das Nichts?   04. Oktober 2008, 23 Uhr

Psalm - Paul Celan

Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,
niemand bespricht unsern Staub.
Niemand.

Gelobt seiest du, Niemand.
Dir zuliebe wollen wir blühn.
Dir
entgegen.

Ein Nichts waren wir, sind wir, werden
wir bleiben, blühend:
Die Nichts-, die
Niemandsrose.

Mit
dem Griffel seelenhell,
dem Staubfaden himmelswüst,
der Krone rot
vom Purpurwort, das wir sangen
über, o über
dem Dorn.

Tabula rasa. "Gelobt seist du, Niemand". Der soeben gehörte Psalm ist der einzige Psalm, der mich im Innersten berührt. Die biblischen Psalmen, die haben Schönheit und Kraft, aber wenn ich etwa an den 23. denke, dann sind es nicht Stecken und Stab, sondern bestenfalls Ritual und Gewohnheit, die mich trösten. Paul Celans Niemandsrose aber betet und psalmodiert, nachdem sie Aufklärung und radikale Religionskritik bitter ernst genommen hat. Betet und psalmodiert, auch wenn sie gewiss ist, dass keiner sie hört. Es ist, als wenn jemand, auf einer am Boden liegenden Schiefertafel kauernd, mit einem roten Stück Kreide einen Lebenstext vor sich her schriebe und schöbe, und dann diesen Text im Kriechgang mit feuchten Schwämmen unter seinen Knien gleich wieder löschte. "Das Purpurwort, das wir sangen." Nichts und Niemand.

Es ist nicht leicht, ein Nichts zu denken, denn wenn es ein "das Nichts" gäbe, dann wäre es ja schon ein "Etwas". Die "Nichtse" der Existenzphilosophie - etwa bei Sartre oder Heidegger - es waren letztlich Nullnummern von Seiendem. Schon die Bibel hatte es schwer, ein Nichts vorauszusetzen. Selbst am allerersten Anfang von allem lugt Seiendes aus den Sprachbildern hervor, Seiendes, Lehmig-Urfluthaftes, aus dem Gott etwas erschuf. Die creatio ex nihilo, die Schöpfung aus dem Nichts, ist ein theologisch-intellektueller Nachtrag zum biblischen Bestand, erdacht, um sich von der griechischen Theorie des Urstoffs abzugrenzen und somit die absolute Göttlichkeit Gottes zu retten. Vielleicht war in unserem Kulturkreis der Dichter Paul Celan der erste, der begriff und versprachlichte, dass kaum zwei Vorstellungen einander so nah sind wie "Gott" und "Nichts".

Es wird der Theologie oft zugeschrieben, dass ihre Voraussetzung, ihre These, ihr immer wieder erster Gedanke die Existenz Gottes sei. Und leider bestätigen akademische und kirchliche Rede immer wieder diesen Irrtum. Zu behaupten dass Gott existiert, ist semantisch ein Unsinn. Das lateinische Verbum existere bedeutet hervor- oder heraustreten, zum Vorschein kommen oder entstehen. Existere verweist somit auf Geschöpfliches und Hervorgebrachtes, und gerade dies soll doch zuallererst von Gott nicht gelten. Es sei denn, man wollte eingestehen, dass Gott ein Geschöpf sei, etwa ein Geschöpf unseres eigenen Geistes und unserer Imagination. Aber solches denkt die Theologie ja nicht so gerne oder nur hinter vorgehaltener Hand. Auch in der deutschen Sprache lässt sich das Dilemma nicht auflösen. Die Formulierung "es gibt Gott" macht Gott zum Objekt eines Schöpfers oder Ursprungs namens "Es". "Einen Gott, den es gibt, gibt's nicht", lautet ein Spruch aus theologischen Debatten. So flapsig dies auch klingt, es ist verdammt nah dran an der Wahrheit.

""Gott" und "Nichts" sind einander so nah, weil bei beiden die Existenz nicht zu den vornehmlichen Eigenschaften gehört. Ist so zu reden Häresie? Blasphemie? Nein, weiß Gott nicht! Es ist nur die Bemühung um sprachlich präzises religionswissenschaftliches Denken. In der landläufigen kirchlichen Rede und leider auch nach wie vor im akademisch-theologischen Diskurs werden seinstranszendente Suchbegriffe zu handhabbaren Objekten gemacht. Die Verkündigung wagt kaum einmal theologisch verantwortungsvoll die Grenzen der Erkennbarkeit oder gar die Fraglichkeit des religiösen Sinnes zu thematisieren. Milde Trostkultur allerorten, Verankerung von Vertrauenspontons, oft genug mit Luft befüllt, im reißenden Fluss des Lebens, von der Kindergartenpädagogik bis hin zur Beerdigungsrede. All das macht das Leben erträglich, keine Frage, aber hat das irgendwas mit Gott zu tun?

Wir müssen unseren religiösen Blick gar nicht weit nach Osten schweifen lassen, um die Verwandtschaft von Gott und Nichts zu ahnen. Auch die westlichen Mystiker wussten um den Abgrund, in den sie blicken, wenn sie die Geheimnisse des Seins erforschten. Und später dann: das Risiko im Sprung des Glaubens bei Sören Kierkegaard. Friedrich Nietzsche, der nicht nur der familiären Herkunft nach, sondern sogar mitten in der heftigsten Religionsbeschimpfung ein präziser, beharrlich das Erhabene suchender Theologe war. "Gott über Gott". So nannte der Theologe Paul Tillich seinen Niemand in seiner späten Schrift "Der Mut zum Sein". Und damit meinte er einen Gott, der erscheint, wenn der Gott der Gottesbilder, der verdinglichte und verkirchlichte Tröster im Abgrund der Verzweiflung untergegangen ist. Der Nullpunkt der Theologie ist der Ort der Gnade.

Fragen, Suchen, Zweifeln, Schweigen. Lebensworte auf Tafeln schreiben und sie wieder löschen. Das ist des Menschen Amt und Würde.
Gelobt seist du, Niemand. Dir zuliebe wollen wir blühn. Dir entgegen

(Pastor Dr. Bernd Schwarze)

Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck


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