PetriVisionen WUNDER

Zauber   3. Mai 2008, 23 Uhr

Präambel

Ich habe Ihnen Filmmaterial mitgebracht, das 1927-28 in Bad Schwartau , Ost-Holstein und Lübeck entstand. Es wurde aufgenommen von Friedrich Herwig, der damals in Bad Schwartau bei Lübeck den Verleih Deutsche Heimatfilm betrieb und eine 35mm Kamera sein eigen nannte. Mit seinen Kulturfilmen beglückte er Zuschauer im ganzen Land und hat teilweise über fünfzig Vorstellungen an einem Tag mit Musikbegleitung organisiert. Die Titel der Filme, die er verlieh und in Sonntags Matineen mit Orchester Begleitung, dem Bürgertum vorführte, verraten deren Inhalt: ITALIEN, Die ALPEN, Der HARZ, Die NORDSEE.

Die Fragmente die Herwig in der Stadt drehte die lange Zeit seine Heimat war, hat er nicht mehr zu einem Film zusammengestellt, er ging mit seiner Firma Anfang der 30er Jahre pleite.

Er schrieb am Ende seines Aufsatzes mit dem Titel "WAS ICH FÜR DEN KULTURFILM TAT" in dem er seinen Bankrott zu ergründen versuchte: "Dies gab mir die Erkenntnis, dass ich mir nicht einbilden soIlte, etwa eine Kulturfilmgemeinde geschaffen oder gar eine solche hinter mir zu haben. Ich habe keine geschaffen und es gibt auch keine,...

Zaubern und Kino?

Das klingt nach Hollywood, nach der Traumfabrik!
ich mache doch hauptsächlich Dokumentarfilme!
Ich will versuchen,die Realität abzubilden, zu beobachten, was wirklich geschieht! Was soll ich da über Zaubern reden? Doch beim Nachdenken über den Begriff "Zaubern" habe ich schon ein paar Gedanken gehabt, die ich gerne mit Ihnen teilen möchte. Ich möchte über die Zauberei des Films reden, das Bezaubern, das Verzaubern und das Entzaubern.

BEZAUBERN

"Money into light" heißt ein Buch von John Boorman, Geld in Licht zu verwandeln, das sei sein Gewerbe. Ist das nicht Zauberei?

Wenn man es aus der Perspektive des Produzenten sieht, ist es fast noch wichtiger, das Licht dann wieder in Geld zurückzuverwandeln, das gelingt manchmal, oft gelingt es auch nicht.

Schon früh haben die Filmemacher das Zaubern gelernt. Nicht genug, dass sie die Realität abbilden und festhalten konnten. Sie konnten sie auch beschleunigen oder verlangsamen, und sie konnten durch den Schnitt Dinge verschwinden lassen. Schon in den frühen Filmen der Surrealisten flogen wie von Geisterhand bewegt Melonen durch die Lüfte. Der Faszination der filmischen Tricks hat seither nicht nachgelassen und hat sich heute durch die Möglichkeiten der CGI (Computergenerierte Bilder), wie wir alle wissen in einer Form gesteigert,die es dem Betrachter unmöglich machen, überhaupt noch zwischen Realität und Illusion zu unterscheiden. Der Film hat das Zaubern in ungeahnter Perfektion gelernt!

Alaxander Kluge hat anlässlich seiner Rede zur Verleihung des Deutschen Filmpreises in Berlin gesagt, dass das Kino schon sehr alt ist, und auch die Höhlemmalerei unserer Vorfahren, die sich im flackernden Schein des Lagerfeuers zu bewegen schienen, miteinbezogen. Auch das mag ihnen wie Zauber vorgekommen sein. Insbesondere, wenn ihnen dabei spannende Geschichten von der Jagd erzählt wurden. Aristoteles hat in seinem Werk über die Poetik bereits die Wirkung von dramatisierten Geschichten auf die Menschen erforscht. Laut Aristoteles ist der Zweck einer Tragödie die Katharsis, die Läuterung durch Mitleid und Angst.

Auf das heutige Publikum bezogen bedeutet das eine psychologische Läuterung von Agressionen, erotischen Phantasien und Frustrationen, "zur Erlösung von den Demütigungen und der aufgestauten Wut, verursacht durch die Geschosse und Pfeile des wütenden Geschicks, das Herzleid und die tausend naturgegebenen Erschütterungen, die Erbteil unseres Fleisches sind."

Die Katharsis geschieht durch die Identifikation des Zuschauers mit dem Protagonisten. Nur durch diese Identifikation kann der Zuschauer Situationen erleben, die er in seiner eingeschränkten Wirklichkeit kaum jemals erfährt (noch dazu auf 90 Minuten verdichtet wie im Film!).

Die von Aristotels damals für das Theater entwickelte Dramaturgie bestimmt noch heute fast jedes Hollywood Drehbuch, denn seine Form Geschichten zu erzählen, hat sich als beonders wirksam gezeigt, wenn es darum geht, Menschen zu bezaubern.

VERZAUBERN im Sinne von verhext

Im Ersten Weltkrieg 1914-18 wurde der Film als politisches Instrument im großen Stil entdeckt.

Nun ging es darum die Massen nicht mehr zu bezaubern, sondern sie zu verzaubern. Die Bilder und Szenen wurden so ausgewählt, die Geschichten so erzählt, dass der Feind immer blutrünstig und fies und der Freund immer edel und heldenhaft war. Der Schnitt wurde der Schitt der Weglassung, zum Mittel der Zensur. Die Mittel des Films dienten nicht mehr der Unterhaltung oder der Katharsis , sondern der Propaganda. Der "böse Zauberer" hatte die Regie übernommen.

Eine Eigene Staatsfirma wurde in Deutschland gegründet, um den enormen Apparat in Schwung zu halten, die UFA. Der Film sollte seine Unschuld nicht mehr wiedererlangen. Lenin machte ihn sich zu nutze, um aus den Russen anständige Kommunisten zu machen.

Und im zweiten Weltkrieg wurde der Propaganda Film dann zur Perfektion gebracht. Ein ganzes Volk das einmal ein Kulturvolk gewesen war, wurde auch durch den Film verzaubert, bewitched wie der Engländer sagt. Dabei war es keineswegs nur die Propaganda, die sich durch die Wochenschauen und Lehrfilme zog, nein, auch das Bezaubernde wurde zum Verzaubern der Masse benutzt. Die völlig harmlosen Spiel- Tanz-und Revuefilme der inzwischen zum modernen Spielfilm Studio ausgewachsenen UFA wurden zum Mittel des Eskapismus. Die Filme boten eine Wirlichkeit an, eine Normalität, die es längst nicht mehr gab. Sie ermöglichten die Entspannung, die so dringend nötig war, um weiter funktionieren zu können - Teil der kriegstragenden Volksgemeinschaft zu sein.

Der totale Krieg wurde damals erstmalig auch zum totalen Medienkrieg.

ENTZAUBERN

Doch der Film kann auch anders, er ist sozusagen sein eigenes Antibiotikum, denn er kann den Bann, den er auf seine Zuschauer ausübt, auch wieder entzaubern. Am einfachsten passiert das, wenn ein Fehler passiert. Ein Mikrophon im Bild, eine Armbanduhr an der Hand des Wagenlenkers im Circus Maximus im alten Rom, eine falscher Dialog, ein schlecht gespielter Streit. Rumms, fliegen wir aus der Illusion, der Bann ist gebrochen, der Zauber zerstört. Nichts nimmt uns mehr gefangen.

Am spannendsten ist es aber, wenn der Film sebst bewusst zur Dekonstruktion der Konstruktion eigesetzt wird, wenn er selber die von ihm geschaffene Scheinwelt mit Absicht zerstört.

Dann ist er auf seiner höchsten Stufe als Kunstform angelangt.

Dann kann er den Zuschauer dazu bringen, dass er sein Gehirn wieder einschaltet, dass er aus der Traumwelt erwacht und seine Realität zur Kenntnis nimmt als seine Realität - die nicht die des Anderen sein muß.

Dann zaubert der Film auf höchstem Niveau, denn er hilft uns zu erkennen, dass alles, auch unsere eigene Realität, am Ende nur eine Illusion ist.

(Impulsreferat von C. Cay Wesnigk)


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