PetriVisionen WUNDER |
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Zauber 3. Mai 2008, 23 Uhr Abrakadabra. Der Donner, der tötet. So kann man das magische Wort übersetzen, wenn denn gelten soll, dass es sich vom arabischen abreq ad habra ableiten lässt. Oh ja, etwas Blitz und etwas Donner, ein wenig Nebel, ein wenig Rauch hat man gern dabei, wenn man die Menschen glauben machen möchte, dass da viel mehr zwischen Himmel und Erde sei, als wir gemeinhin denken und wahrnehmen. Und auch vor allem dann, wenn man sie glauben machen möchte, dass dieses Viel-Mehr sich auch noch beeinflussen lässt. Abrakadabra. Oder ist der Magier-Spruch hebräischen Ursprungs und leitet sich von awra ke dawra ab, dann bedeutet er "ich werde erschaffen, wie ich sprechen werde". Und so mag man in des Zaubers Namen Plagen kommen und Krankheiten gehen lassen, und Dinge erstehen und gar Menschen entrücken und unsichtbar machen. "Ich werde erschaffen, wie ich sprechen werde", ein Hybrid der großen Schöpfungsworte. Und nicht nur darin verweist uns der Zauber schon mitten hinein in die Welt der Religion. Auch "Hokuspokus", das andere große Zauberwort, hat aller Vermutung nach seinen Ursprung in den Glaubenswelten. Der routinierte Priester, der die Hostie erhob und das Brotwort "hoc est corpus meum" murmelte, um dann zwar nicht mit Blitz und Donner, aber nicht weniger ergreifendem Glöckchengeläut ein Stück Gebäck in einen fleischlichen Christusleib zu verwandeln. Er mag mit seinem "hoc est corpus" der unfreiwillige Erfinder des Hokuspokus gewesen sein. Die jüdisch-christliche Tradition ist reich an Zauberei, auch wenn sie stets erklärt, dass die Magie verachtenswert, wenn nicht gar ein Werk des Teufels sei. Als der entmachtete König Saul den verstorbenen Richter Samuel um Rat befragen möchte, versucht er sich zunächst in eigenen Ritualen der Mantik. Und als diese nichts fruchten, bittet er der Hexe von En-Dor um Hilfe. Und sie ruft den Geist des Toten herbei. Jesus verwandelt Wasser in Wein, heilt Kranke, holt Verstorbene ins Leben zurück, vermehrt Brot und Fische wundersam, überwindet die Schwerkraft beim Seewandel und in der Himmelfahrt. Und Simon, der Magier, als er feststellt, dass die Apostel ein paar Tricks draufhaben, die er trotz seines großen Ruhms nicht beherrscht, lässt er sich taufen und bietet auch noch gutes Geld für eine Teilhabe an den göttlichen Zauberkräften. Viele Menschen lieben die biblischen Geschichten um der Wunder willen. Ich mag diese rätselhaften Stories auch, weil sie sehr schön erzählt sind. Was jedoch ihre lebensdeutende Kraft und ihren theologischen Wert betrifft, halte ich die Wundergeschichten für die schwächsten Passagen unserer Heiligen Schrift. Das aufregend Neue am Neuen Testament ist doch nicht die Erscheinung eines neuen Magiers, der es mit den Zauberern der alten Garde spielend aufnimmt und noch ein paar Dinge mehr beherrscht als sie. Die Jesusbotschaft von der unmittelbaren Vertrauensbeziehung zu Gott und dem Leben wird durch solche Geschichten verwässert und nicht pointiert. Da haben die Erzähler einem Botschafter, der wohl zuallererst als Lehrer und als Prediger wirkte, ein bisschen viel des Guten getan, indem sie ihn auch noch zum göttlich ermächtigten Zauberkünstler stilisierten. Aber so sind sie, so sind wir, die Menschen. Wir lieben nun einmal das Geheimnisvolle. Selbst als scheinbar aufgeklärte Geister sind wir heute noch bereit, uns die Schlichtheit und Schönheit des Lebens selbst durch allerlei Simsalabim verzaubern zu lassen. Man glaubt an Scharlatane, die behaupten, in göttlichem Auftrag zu wirken, und vertraut ihnen blind die eigene Gesundheit an Leib und Seele an - und nennt das dann alternative Medizin. Man lässt sich einlullen von mystischem Geschwätz und festlichen Ritualen - und nennt das die Wiederkehr der Religion. Man glaubt, dass selbst in Fernsehshows mysteriöse Dinge passieren, obwohl dort gelogen wird, bis die Löffel sich biegen. Glaube kann Berge versetzen, heißt es. Nun, das wäre doch einmal ein Frömmigkeitstest für einen Urlaub in der Schweiz, oder besser noch im Himalaja. (!) Nein, Quatsch, Glaube versetzt rein äußerlich gar nichts. Aber was die eigenen, die inneren Berge, die Standorte und Perspektiven betrifft, da kann Glaube, als eine Haltung zum Leben eine Menge bewegen. Ein Trick von David Copperfield mag dafür als Gleichnis dienen. Als Copperfield 1985 spektakulär die Freiheitsstatue von New York verschwinden und wieder erscheinen ließ, da bewegte sich das große Denkmal keinen Zentimeter. Aber der große Zuschauerbereich, der Ort der Perspektive, wandte sich sanft in eine andere Richtung, während ein Vorhang für kurze Zeit die Sicht auf den Ort des Geschehens versperrte. Der Wandel im Standpunkt veränderte die Welt. Wir brauchen keine Magie. Wir bedürfen auch keiner Illusionen. Wir brauchen eine Poetik des bewegten Lebens. Wechselnde Perspektiven, Bilder, Töne und Worte, die den Zauber des Lebens selbst beschwören. Kein Hokospokus. Kein Abrakadabra. So wahr ich hier stehe. (Pastor Dr. Bernd Schwarze) Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck |
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