PetriVisionen WUNDER

Wandlung   1. März 2008, 23 Uhr

Es ist nicht genug. Es geht noch mehr. Verwandlungen in Höheres, in Größeres. Am besten schlagartig und wundersam. Was ist schon Wasser? Es braucht nur ein Wort, ein wenig heilige Präsenz am rechten Ort, und schon fließt köstlicher Wein aus Wasserkrügen. Aber was ist schon Wein, wenn er sich durch einen Spruch und ein Schellen auch in eine Lösung zur Erlösung, in eine Spülung zur Reinigung der Seelen wandeln lässt. Brot mag nahrhaft sein. Es zu teilen, mag Leben gewähren und Gemeinsinn fördern, aber wie viel mehr ist doch eine aus Mehl und Wasser gebackene Scheibe, die wiederum wundergleich zu einer carnivoren Unsterblichkeitspille mutiert. Unser Leib ist nichtig, schreibt Paulus im Philipperbrief, dem Verfall und der Verdammnis anheim gestellt. Nur wenn Gott es will, kann dieser Leib zur Herrlichkeit hin verwandelt werden.

Der österreichische Liedermacher Wolfgang Ambros dichtete in seinen jungen Jahren: "Mir geht es wie dem Jesus, nur hab' ich nicht die Klasse, denn ich verwandle nur den Wein in Wasser, das ich lasse." Nach dem Bild vom Leben, das die Religion uns zeigt, scheint jede Veränderung zum Niederen, zur Kraftlosigkeit und zum Sterben hin naturbedingt und hausgemacht. Wenn jedoch etwas wächst und reift, an Wert gewinnt, tatsächlich zum Guten gereicht, dann muss eine jenseitige Macht die Dinge von oben aus neu geordnet haben, gern plötzlich und zeichenhaft, ein wenig magisch mitunter und immer mal wieder an den Naturgesetzen vorbei. Dass es so sei, überrascht uns nicht sehr, denn weite Teile des Welt- und Menschenbildes des Abendlands gründen in diesen Anschauungen. Im Kontext der Kirche, aber nicht nur hier, wird das als selbstverständlich angesehen. Es ist aber hoffentlich gestattet, dies auch ein wenig frustrierend zu finden.

Warum beschreibt die Religion jede Wandlung zum Guten hin als ein göttlich gewirktes Wunder? Warum hat die Special-Effects-Abteilung der biblischen Literatur immer so viel Arbeit, wenn es darum geht, erfreuliche Veränderungen für möglich zu halten? Weil solche Wandlungen einfach so unwahrscheinlich und so erschreckend selten sind? Es kommt mir so vor, als ziehe sich im Großen und Ganzen von den Erzählungen der Anfänge Israels bis hin zu den neutestamentlichen Texten von den letzten Dingen … Es kommt mir vor, als ziehe sich ein realitätsnaher Lebenspessimismus hindurch, der nur gelegentlich durchbrochen wird von einer Poesie des Unwahrscheinlichen. Mag bei den Verschriftungen von Passion und Kreuzestod noch ein frühexistentialistischer Literat die Feder geführt haben, so hat er für die Auferstehung und die Himmelfahrt sein Schreibwerkzeug dann weitergereicht an den Kitschexperten aus der Fantasy-Redaktion. Es ist nicht genug. Es muss noch mehr sein als das, was das Leben selbst hergibt.

Warum Wandlung als Wunder? Nun, weil wir - sei es aus heillosem Realismus oder infiziert durch einen Pessimismus der Altvorderen - das deutliche Übergewicht zerstörerischer und verfallsartiger Wandlungen nicht leugnen können. Nachweislich ist menschliches Leben vom Verfall gekennzeichnet. Kaum ist das Wachstum abgeschlossen, ist der Prozess des Absterbens eigentlich schon in vollem Gange. Manch einer mag beim Gedanken an das Alter Reife, Weisheit und Gelassenheit imaginieren. Wenn ich mein eigenes Altern bedenke und vorhersehe, assoziiere ich aber auch ganz stark Krankheit und Schmerzen, Hilflosigkeit, vielleicht Demenz, vielleicht Einsamkeit. All dies kann ich vielleicht erdulden, aber ich kann wohl kaum genügend Erfreuliches dagegenhalten. Die Einsicht in die Unaufhaltsamkeit des Verfalls ist wohl die Geburt der Idee des göttlich gewirkten Wandlungswunders.

Was schlichten Gemütern und aufklärungsresistenten Gläubigen zum inneren Frieden gereichen dürfte, ist dem modernen Zeitgenossen kein Trost. Die Phantasieerzählung von einer Sonderwelt, die unter Umgehung natürlicher Gesetze Wirklichkeiten wundersam verwandelt, hat ihren rechten Ort in Unterhaltungsformaten wie "The next Uri Geller", aber nicht in einer vernünftigen neuzeitlichen Lebensphilosophie.

Vielleicht ist ja doch das Leben selbst genug. Vielleicht bedarf es einfach einer Relektüre der biblischen Wundergeschichten ganz ohne phantastischen Überbau, so dass sie heute noch Bedeutsames erzählen können. Brot und Wein und Worte zum Beispiel können auch ohne Jenseitsgarantie Wunder wirken, weil Teilen und Austausch und Kommunikation Großes bewirken und die Einsicht stärken können, dass das Leben selbst genug sei. Es geht hier nicht um eine Genügsamkeit, die nichts mehr will und nichts mehr sucht. Es geht um eine Haltung, die es für möglich hält, dass genügend guter Geist in uns selber wohnt, um aus dem Menschsein Humanität wachsen zu lassen.

Stellen wir uns einen Mose vor, der uns die Tafeln mit den zehn Geboten zeigt. Wir brauchen keine Sonnencreme, um in sein Gesicht zu schauen, denn er erscheint uns nicht als ein auf dem Berge zum Lichtgeist Verwandelter. Er ist nur ein Verkünder von guten und hilfreichen Gedanken, aus denen mittlerweile Menschenrechte geworden sind. Ganz schlicht. Mehr nicht. Aber dennoch: was für ein Glanz!

(Pastor Dr. Bernd Schwarze)

Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck


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