PetriVisionen WUNDER

Sprache   6. Juni 2008, 23 Uhr

Herr, ich bin nicht wert, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.

Dieser Gebetsspruch, der in Beichtliturgien und in der Abendmahlsvorbereitung seinen kirchlichen Ort gefunden hat, er sagt, wenn man ihn von seinem theologischen Bombast befreit und von der institutionspathologischen Neigung, den Menschen zuallererst bei Scham und Schande zu erwischen … der Gebetsspruch sagt im Grunde folgendes: Du kannst das Wunder deines Lebens und die Möglichkeit, dies Leben als wertvoll zu erachten, nur dann begreifen, wenn du dich angesprochen fühlst. Es muss nichts Großes, gar nichts Feierliches sein. Manche sind so ausgedörrt vom Eindruck, nicht gemeint zu sein, dass schon ein schroffes "Weg da" sie erfreut, weil sie es nicht einmal mehr glauben mögen, sie könnten irgendwem im Wege stehen. Zwar ist man vom Gebrabbel auf allen Kanälen unentwegt umgeben, und doch mit gutem Recht im Zweifel, ob der Radiomoderator, der mich duzt, mich wirklich meint und kennt. Bitte, bitte gib mir nur ein Wort.

Die Religion ist ein Sprachgeschehen. Und jede vernünftige Theologie, sprich: jede, die den Menschen nicht für dumm verkaufen will, weiß dies seit langem. Es geht nicht um außerweltliche Substanzen, nicht um reale Gegenwelten und nicht um Objektivitäten von höherer Ordnung. Es geht um eine Wirklichkeit, die dadurch wirklich wird, dass man sie ausspricht und benennt.

Die ganze Welt sei Sprache, behauptet die Heilige Schrift. Und selbst jedes gedachte und imaginierte Davor oder Jenseits-Dessen ist nichts anderes als Wort. En archén én o logos. Das Wort, das aller Anfang war. Wajomer elohim. Und Gott sprach: es werde und es ward. Und so ist alles, was da ist, geredetes Wort. Die Blumen auf dem Felde und die Fische im Meer. Der Rochen ist ein Guttural, die Lilie ein Lateral aus einer uranfänglichen Vokale- und Konsonantenflut. Leise Laute des Lebens. Und der Mensch sprach: das hat Gott gesagt.

Gott spricht, spricht der Mensch, und behauptet dies seit Tausenden von Jahren wider alle unmittelbare Erfahrung. Der Mensch spricht, dass Gott redet, obwohl er ihn für gewöhnlich nicht hört. Der menschliche Gedanke, dass Gott redet, sagt nicht viel über das Wesen und die kommunikativen Möglichkeiten Gottes aus, wohl aber über das Verhältnis des Menschen zur Sprache. Er verleiht ihr, der Sprache, den Rang höchster Heiligkeit und Bedeutsamkeit. Wer spricht, hat Teil am höchsten Gut und trägt eine enorme Verantwortung. Wer spricht, kann Welten erschaffen, aber je nachdem, wie er spricht, kann er auch Welten vernichten. Öffentliche Worte haben Menschen schon den Weg in neue, gerechtere und friedlichere Zeiten geebnet. Öffentliche Worte haben Menschen schon dazu verführt, ganze Völker abzuschlachten. Mag die Sprache auch heilig sein, so trägt sie doch auch alle Möglichkeit zum Unheil in sich.

Verstehen und Verständigung sind den Sprechenden keineswegs gewiss. Auch wenn der Mythos erklärt, dies sei ganz früher einmal so gewesen. Beim Turmbau zu Babel erreichte der umfassend sprachgewandte Mensch den letzten Gipfel seiner Möglichkeiten. War es ein eitler und eifersüchtiger Gott, der in dieser Geschichte die Sprachen verwirrte, weil er seine eigene Macht angegriffen fühlte? Oder geschah die Zerstreuung der Sprachen den Menschen zum Schutz, damit sie in Demut ihrer eigenen Begrenztheit gewahr werden müssen? Vielleicht eher letzteres, aber wirklich sicherer und friedlicher hat dies das Leben nicht gemacht. Denn seither sagt der Grieche eben nai, wenn er "ja" meint. Und als die Designer von Rolls Royce ihren stolzesten Auto-Entwurf auf den Markt bringen wollten, tauften sie ihn in letzter Minute noch rasch in "Silver Shadow" um, weil sie befürchteten, dass ihre deutschsprachigen Kunden eine Edel-Limousine namens "Silver Mist" nicht unbedingt als Statussymbol in ihre Garage stellen würden. Und es wird sogar behauptet, dass schon Kriege aufgrund von Übersetzungsfehlern ausgebrochen seien. Von der Pfingstgeschichte wird ja gern behauptet, dass in ihr die Verwirrung seit dem Turmbau zu Babel aufgehoben sei. Die Pointe ist meines Erachtens jedoch eine andere: Für mich sagt Pfingsten: Verstehen ist solch ein Wunder, dass es sich in der ganzen Weltgeschichte nur ein einziges Mal ereignet hat.

Am Anfang das Wort. Das 1. Kapitel des Johannesvangeliums teilt uns mit, dass Jesus Christus das eigentliche Wort sei, fleischgeworden. Mit diesem Gedanken wird das Wunder der Sprache einem exemplarischen Menschen zugeordnet. Sprache ist noch eine wunderbare, aber keine metaphysische Größe mehr, nicht in Reinheit bei Gott und nur verschattet dem Menschen anvertraut. Der Mensch, der anspricht und sich ansprechen lässt, wird selbst zum verantwortungsbewussten Gestalter, Empfänger und Zeugen des Lebens. Wenn nun Menschen so sprechen, dass ihre Worte dem Leben dienen. Dann sprechen sie selbst das aus, was sie bis dahin Gottes Wort zu nennen pflegten.

Sprich, Mensch! Sprich Gutes und Wahres! Schwätze nicht, und achte auf das, was du sagst. Sprich nur ein Wort, dann wird auch Gottes Seele gesund.

(Pastor Dr. Bernd Schwarze)

Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck


zurueckZurück zur Übersicht