PetriVisionen WUNDER

Licht   2. Februar 2008, 23 Uhr

Seit den berühmten ersten Worten, mit denen erste Kräfte eine Welt erschufen, gebührt dem Licht der Ruhm des Wunderbaren. "Es werde Licht", und eine Welt entstand. Geblendete Propheten, vom Leuchten des Wortes besessene Evangelisten, von Gloriolen umhüllte Heilige, Todgeweihte, die einem fernen Lichte anderer Welten entgegenfiebern. Lumen de Lumine. Das Wunder des Lichts ist die wohl stärkste Energie der religiösen Imagination. Wo Gott sich zu erkennen gibt, da ist lauter Licht, der Rest allen Seins ist Finsternis.

Die Religion behauptet Licht, entzieht sich aber gern der Überprüfung ihrer Leuchtmittel. Als Adam die erste Frucht vom Baume der Erkenntnis pflückte - und ich stelle mir den sagenhaften Apfel gern als eine "Birne" vor - , da beging er ein todeswürdiges Verbrechen, obwohl er doch lediglich begehrte, am Licht der Wahrheit teilzuhaben. Jedes Licht, das nicht dem Allerhöchsten eignet, scheint der Religion ein gefährliches Licht zu sein. Der Name Lucifer, der ja nichts anderes als "Lichtträger" bedeutet, steht für einen gefallenen Engel, den die Tradition dann mit dem Satan gleich gesetzt hat. Immer wieder hat die Kirche jedes selbständige Leuchten diffamiert und mit Strafen belegt.

Ob nun erkannt wurde, dass die Erde ein Planet ist, der sich um die Sonne dreht. Ob jemand ein Licht auf die Tatsache warf, dass der Mensch nicht als ganz besondere Spezies inmitten von Getier und Gewürm als krönender Abschluss eines sechstägigen Aktes erschaffen wurde, sondern sich in Jahrmillionen aus dem Gewürm und Getier herausentwickelt hatte. Ob jemand aus dem Lichte seines eigenen Geistes abzuleiten wusste, dass allein die Vorstellung eines alles überstrahlenden göttlichen Lichtes auch eine Projektion oder gar ein Wahn sein kann: stets riefen die Sachwalter der göttlichen Lichtvorherrschaft zu den Waffen, und nicht wenige, die sich am Licht der Erkenntnis erfreuten, haben dies mit dem Leben bezahlt. Bei der Verfolgung der aus eigener Kraft leuchtenden Geister spielte die Wahrheit kaum eine Rolle. Es war mehr ein Machtkampf, ein juristischer Streit um fotografische Urheber- und Aufführungsrechte.

Das Wunder des Lichts. Auch wenn ich ein überzeugter und bekennender Mann der Kirche bin: Das eigentliche Wunder des Lichts finde ich nicht in der Schöpfungsgeschichte, nicht in den großen Epiphanien, nicht im Auferstehungslicht der Osternacht wieder. Das Wunder des Lichts ist für mich, dass der Geist der Aufklärung sich letztlich durchgesetzt hat. Enlightenment, Erleuchtung nicht als Jenseitsschau eines in spiritueller Versenkung befindlichen religiösen Virtuosen, sondern Erleuchtung als Einsicht in das Wesen und den Zusammenhang der Dinge kraft des rechten Gebrauchs der eigenen Vernunft. Voltaire und Rousseau, Bacon und Hobbes, Lessing und Kant und die vielen anderen, die bis heute dafür einstehen, dass Menschen sich nicht von weltanschaulichen Autoritäten diktieren lassen, welchem Licht sie Glauben schenken sollen. Aufklärung ist eine Geisteshaltung, die darauf vertraut, dass die je individuelle menschliche Vernunft genügend eigenes Licht enthält, um sich über Gott und die Welt selbst ein Bild zu machen.

Der Geist der Aufklärung als Wunder des Lichts. Nun heißt es ja, dass wo viel Licht, dort auch viel Schatten sei. Die Kritik an der Aufklärung meldete sich sehr bald zu Wort. Die Theologie verbündete sich phasenweise mit ihr, ging dann aber auch wieder nachhaltig auf Distanz. Man sorgte sich um die Gefahren menschlicher Hybris und eine potentiell komplette Bedeutungsentleerung des Lebens durch die kritische Infragestellung aller übergeordneten Sinneinheiten. Was bliebe, wenn wir, bei Licht betrachtet, feststellen müssten, dass die Mythen und Erzählungen der Religion vielleicht nicht viel mehr sind als Schattengewächse des Geistes, die den Prüfungen der Vernunft nicht standhalten? Könnten wir die Enttäuschung ertragen? Ist nicht die entsetzliche, auch in unserem Kulturkreis wieder zunehmende Fundamentalisierung der Religion ein eventuell nachvollziehbarer Akt der Notwehr gegen eine radikal desillusionierende Übermacht des menschlichen Geistes? Nun, nachvollziehbar ja, aber nicht gut zu heißen.

Gute Religion lebt nicht aus der Verteidigung von Illusionen, behauptet nicht den Wahrheitswert von Täuschungen. Gute Religion geht mit Illusionen scharf ins Gericht und enttäuscht unangemessene Erwartungen. Die Jünger in der Verklärungsgeschichte Jesu sind begeistert von dem Licht, wollen auf dem Berge bleiben und dort ihre Kirchen bauen. Aber Jesus schickt sie wieder ins Tal hinab und verdonnert sie sogar zum Schweigen. Die Religion - so sagt das aufgeklärte Licht - ist nicht ein Schwelgen im transzendenten Leuchten. Sie ist eine Haltung zu einem menschlich-lebenswertem Leben.

Und wenn es dir nun geschieht, und du schaust in deinem Licht den absoluten Kern der Wahrheit aller Dinge. Und stell dir vor, was du da siehst im Licht, ist Nichts. Was kannst du tun? Lerne, dieses Nichts in Demut zu ertragen und damit Gott die Ehre zu geben.

(Pastor Dr. Bernd Schwarze)

Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck


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