PetriVisionen WUNDER

Leben   5. Juli 2008, 23 Uhr

Impuls zum Stichwort: Lebenskraft

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Sie kennen alle das Capriccio von Goya, auf dem der Künstler über seinem Zeichentisch vorne links im Bild schlafend-träumend zusammengesunkenen ist und wo im Hintergrund die Ungeheuer und Monster aufsteigen. - Sind sie die Produkte seiner Traumarbeit oder entstehen sie vielmehr, weil die Vernunft statt zu wachen im Schlaf stillgelegt ist?

Gerade in seiner Doppeldeutigkeit liefert Goya der Epoche der Aufklärung ihr perfektes Vexierbild: Es sind die Träume rationalen Erklärbarkeit und einer wissenschaftlich-logischen Ordnung der Welt, die als Kehrseiten der Aufklärung immer wieder neue Gespenster hervorbringen.

"Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus." Bevor der Traum einer egalitären Gesellschaftsordnung sich im realen Leben als Albtraum erweisen sollte, stand das berühmteste Gespenst des 19. Jahrhundert gleich im ersten Satz des Kommunistischen Manifests von 1848.

Genau zur selben Zeit machte sich eine junge und ehrgeizige Generation Naturforscher daran, das Leben selbst endlich exakt und experimentell mit den Methoden der Naturwissenschaften zu erforschen. - Und auch hier stoßen wir auf Gespenster, genauer: auf das Gespenst der Lebenskraft, jenen Ausdruck für das Wunder des Lebens, den diese neue Forschergeneration ablehnte.

Lebenskraft war aber nicht einfach nur ein etwas altertümlicher Ausdruck für das Wunder des Lebens, vielmehr sah Emil du Bois-Reymond, der Chef-Ideologe der neuen Richtung, im Konzept Lebenskraft das zentrale Hindernis für den wissenschaftlichen Fortschritt wenn er forderte: "Dieses Gespenst muss gebannt werden!"

Der Aufruf verhallte nicht ungehört und du Bois-Reymonds Kollegen strengten sich gewaltig an. Aber je besser das Leben von den einen erklärt werden konnte, geriet es für die anderen zur philosophischen Frage. Weil Biologen und Physiologen vom Kreislauf über den Stoffwechsel bis zu Fortpflanzung und Evolution nun das Leben naturwissenschaftlich erklärten, strebten die Zeitgenossen zur Lebensphilosophie und suchten nur umso intensiver nach dem Besonderen in der Schöpferkraft des Lebens. Vor hundert Jahren erhielt Henri Bergson sogar den Nobelpreis für seine Lehre vom Élan vitale - aber bezeichnenderweise war es nicht der Nobelpreis für Medizin, sondern für Literatur.

Das 20. Jahrhundert hingegen stand weitgehend auf Kriegsfuß mit dem Wunder des Lebens, gerade wo dessen Gestaltbarkeit konkret wurde.

Zuerst ging die Lebensphilosophie auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkriegs unter, als es nur noch um die Frage des Überlebens ging. Millionen Verstümmelte mussten, so weit es eben ging, mit Medizin und Technik wieder hergestellt werden.

Als das "Wunder des Lebens" dann 1935 in Berlin zur Schau gestellt wurde, handelte es sich um die erste große Propaganda-Ausstellung, mit der das nationalsozialistische Deutschland die Bevölkerung über die Prinzipien der arischen Höherzüchtung und die Notwendigkeit einer Ausmerzung falscher Erbanlagen belehren wollte. Die mörderischen Konsequenzen dieser Lebenslehre, die nicht lange auf sich warten ließen, führen bis heute die besondere Schutzbedürftigkeit der Unverfügbarkeit des Lebens vor Augen.

Selbst die beste Ethik kann dabei die Ambivalenzen von Medizin und Technik im Umgang mit dem Wunder des Lebens allerdings allenfalls regulieren, nicht auflösen. Schon längst hat heute der technische Fortschritt das Wunder des Lebens z.B. bei der menschliche Fortpflanzung erreicht, wo nun die Frage des Umgangs mit überzähligen Embryonen drängt.

Und inzwischen sind Wissenschaft und Technik sozusagen beim Leben selbst angekommen, wenn man dem Biotech-Pionier Craig Venter glauben darf, der mit künstlichen Chromosomen jetzt dazu übergehen will, den Code des menschlichen Genoms nicht nur zu lesen, sondern auch zu schreiben - also künstliches Leben gezielt zu entwerfen.

In die Träume der Wissenschaftler bleiben vorerst Gespenster eingeschrieben, denn der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.

(Prof. Dr. med. Cornelius Borck)

Direktor des Instituts für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte


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