PetriVisionen WUNDER |
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Leben 5. Juli 2008, 23 Uhr Eigentlich ist es ein Widerspruch, über das Wunder des Lichts in der Kunst s p r e c h e n zu wollen - und ich meine hier die bildende Kunst, die der Anschauung bedarf. Aber unser aller Vorstellungsvermögen soll es vielleicht doch möglich machen, dass ich über etwas r e d e , was geschaut werden sollte. Das Wunder des Lichts steht am Anfang allen Lebens und der Schatten ist dabei, von Anfang an. Licht und Dunkelheit, sind wie Leben und Tod unauflösliche Paare. Dieser Dualität bedienen wir uns in der bildenden Kunst methodisch, wir nennen es Kontrast. Die Kunst des Mittelalters kannte Licht als Helligkeit, alles strahlte aus sich heraus für gut 1000 Jahre. Renaissance und Barock vor allem gaben dem Licht in der Kunst eine dramaturgische Bedeutung. Und im 19. Jahrhundert wurde das Licht zum eigentlichen Gestalter: die Fotografie und der Film ist Lichtbildnerei. Die Impressionisten - zeitgleich - haben sich den Phänomenen des Lichts erstmals künstlerisch konzeptuell verpflichtet und Atmosphäre darzustellen versucht, parallel zur Fotografie, zum Schnappschuss. Und ich möchte jetzt von heute aus, von der gegenwärtigen Kunst über das Wunder des Lichts sprechen. Da ist zuerst von James Turrell zu sprechen, 1943 in Los Angeles geboren. "Licht ist eine kraftgeladene Substanz, zu der wir eine primäre Verbindung haben. Aber Situationen, in denen man die Präsenz einer so kraftgeladenen Substanz wahrnimmt, sind fragil. Ich forme es, soweit das Material das erlaubt. Es macht mir Spaß, damit zu arbeiten, so dass man es physisch fühlen kann, so dass man die Präsenz des Lichtes, das sich in einem Raum befindet, fühlen kann. Ich mag die Qualität von Fühlen, das nicht allein über das Auge abläuft." So James Turrell 1987. Im Sprengelmuseum in Hannover sind vier Arbeiten von Turrell installiert. Lassen Sie mich bitte drei davon durch Beschreibung Ihnen zur eigenen Vorstellung bringen. Da ist zuerst eines der "Projection Pieces", die Turrel seit 1966 fertigt. Die von zwei lichtstarken Xenonlampen präzise über eine Raumecke projizierten trapezförmigen Lichtfelder materialisieren sich aus gewisser Entfernung zu einem dreidimensionalen Lichtkörper, einem schwebenden Kubus. Kommen Sie näher heran, nehmen Sie die Illusion war, es sind nur zwei projizierte Lichtfelder. Eine weitere Arbeit befindet sich in einem abgeschlossenen Raum, der in sehr reduzierter farbiger Beleuchtung erscheint. An der Breitseite des Raumes erscheint Ihnen ein sehr großes rötlich violettes Bild zu hängen, dick wie ein Kissen, wie eines der Farbraumkörper von Gotthard Graubner - nur ganz monochrom. Wenn Sie näher kommen, nehmen sie plötzlich das Gegenteil war. Es handelt sich um eine große Öffnung in der Wand hinter der unsichtbar die Lichtquelle installiert ist. Treten Sie wieder zurück, erscheint wieder das plastische Bild auf der Wand. Handelt es sich dabei für den Künstler nur um ein Spiel mit unserer Wahrnehmung? Wahrnehmungsphänomene spielen in der gegenwärtigen Kunst sicher eine große Rolle. Aber bei Turrell geht es um weit mehr. Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Vorstellung, zwischen Bild und Einbildung verschwindet. Sie sind zurückgeworfen auf sich selbst. Zur dritten Arbeit bekommen Sie strikte Anweisungen vom Museumspersonal: gehen Sie bitte durch einen dunklen sich mäandernden Gang bis Sie spüren, dass sich dieser Gang zu einem Raum erweitert. Dort finden Sie rechts und links je einen Stuhl. Setzen Sie sich bitte und blicken einfach geradeaus. Sie müssen ein wenig Geduld haben. In diesem Nichts von Raum, in dieser totalen Dunkelheit nehmen Sie nach einigen Minuten eine rundliche Farbfläche, leicht rötlich war. Aber hier ist gar kein Licht. Haben Sie das Licht selbst mitgebracht? Ist es das Restlicht in Ihrem Auge? Zweifellos nehmen Sie diese Farbfläche Ihnen gegenüber war. Durch diese extreme Reduktion der Beleuchtung werden Sie auf Ihr inneres, geistiges Licht aufmerksam gemacht. Hier wird der Unterschied zwischen lumen - Weltlicht, geistige Leuchte, Erleuchtung - und lux - auch die Einheit der Beleuchtungsstärke - unmittelbar anschaulich. Technisch lässt sich diese Installation leicht auflösen: der gewundene Gang - alles ganz schwarz gestrichen - soll jedes Eindringen von Außenlicht verhindern; In dem Raum mit den zwei Stühlen, ebenfalls ganz schwarz gestrichen, ist Ihnen gegenüber eine Kreisfläche mit weißer Farbe auf die Wand gemalt worden. Aber die Frage, was Sie eigentlich sehen ist damit nicht beantwortet. Der Künstler sagte selbst 1985 einmal: "Mein Interesse gilt dem unsichtbaren Licht, dem Licht, welches im Geiste wahrnehmbar ist. Ich will mich an das Licht richten, welches wir in Träumen sehen und Räume kreieren, die aus diesen Räumen stammen und denen bekannt sind, welche diese Stätten bewohnen." Als Quäker hat James Turrell das "Live Oak Meeting House for the Society of Friends" mit einer Öffnung in der Decke gestaltet, in der die Wahrnehmung von Licht - natürlichem Licht - eine religiöse Bedeutung bekommt. Im PS 1 in Queens, New York, einer Dependance des MoMA, finden Sie einen ähnlichen Raum. 1989-90 hat der japanische Architekt Tadao Ando, geboren 1941, die "Church of Light" in Ibaraki, Japan gebaut. Der Raum dieser Kapelle ist vom Licht definiert - und vom Kontrast von Licht und Material - hier Beton. Das Licht kommt von hinten durch zwei Spalten im soliden Beton: die horizontale von Wand zu Wand, die vertikale vom Fußboden zur Decke. Ein Kreuz aus Licht. Ob Tadao Ando die Arbeiten von James Turrell gekannt hat, ist mir nicht bekannt. Ich möchte noch einen Maler in unseren Zusammenhang bringen: Ad Reinhardt, geboren 1913 in Buffalo, gestorben 1967 in New York. Er gilt als ein Wegbereiter der Minimal Art. Begonnen hat er sehr farbig im Sinne der Abstrakten Expressionisten und reduzierte seine Palette mit zunehmendem Alter. Von 1953 stammt ein Manifest: Twelve Rules for a New Academy: Keine Textur, keine Pinselarbeit, keine Zeichnung, keine Form, keine Gestaltung, keine Farbe, kein Licht, keinen Raum, keine Zeit, keine Dimension und keinen Maßstab, keine Bewegung, kein Objekt. Sein Spätwerk besteht aus fast nur schwarz abgetönten Nuancen, die erst nach längerer Betrachtung eine dynamische Bildraumstruktur erkennen lassen. Reinhardt hat das Nachlassen der Lebenskräfte wörtlich in Malerei übersetzt, zum Schluss gab es nur Dunkelheit. Das Wunder des Lichts in der Kunst ist auch seine Abwesenheit, Dunkelheit, Schwärze von unsäglicher Schönheit. Vielleicht auch ein Bild, für das, was nach dem Leben kommt. Mit dem Mecklenburger Günther Uecker, der mir als Künstler sehr nah ist und der in dieser Kirche 1990 eine beeindruckende Ausstellung aufgebaut hat, möchte ich schließen: "Was ist der Mensch, wenn er seine Schatten geworfen hat im intensiven Licht? Diese Schatten gab es in Hiroshima, der Mensch war ausgelöscht, der Schatten blieb. Ich verliere meinen Schatten mit dem Schatten der Nacht. Er wird mir am Morgen vorgeworfen mit dem beginnenden Licht. Das ist das Erschrecken des Tagesbeginns. Zwischen diesen Polen bewege ich mich existentiell. Manchmal kann ich darüber hysterisch werden. Der Mensch als Verkörperung von Existenz zwischen Licht und Dunkel - das bewegt mich." (Pastor Dr. Bernd Schwarze) Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck |
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