PetriVisionen WUNDER

Heilung   5. April 2008, 23 Uhr

Wunder der Heilung

Es ist noch nicht lange her, da saß ich mit meinem Sohn am Frühstückstisch.
"Papa?" fragte mein Sohn leise, "du bist doch ein Arzt, oder?" Ich blickte ihn besorgt an. Etwas stimmte nicht mit ihm in diesem Moment.
"Ja, das ist richtig," antwortete ich vorsichtig. "Wieso? Bist du krank?"
Er aber schüttelte den Kopf und schien zu überlegen. "Papa, Du bist doch ein richtiger, echter Arzt, oder?"
Langsam wurde ich nervös. "Ja, ich bin ein richtiger, echter Arzt," meinte ich.
"Wenn du aber ein richtiger, echter Arzt bist, wieso kannst Du die Welt dann nicht heile machen?" Ich war erstmal erleichtert. Mein Sohn war gesund, nachdenklich zwar, aber gesund.
"Nun, ich versuche, viele Menschen heile zu machen, jeden Tag...die Menschen kommen zu mir, erzählen mir, wo sie Schmerzen haben und dann suche ich nach Möglichkeiten, um sie wieder gesund zu machen..."
"Ich meine doch nicht die Menschen!" unterbrach er mich. "Du sollst die Welt heile machen!" Und ich hörte mich sagen: "Um die Welt wirklich heile machen zu können, müssten schon viele, viele Wunder geschehen."

Diese Frage bewegte mich auf dem Weg in die Praxis. Ich hatte wohl bemerkt, dass ihm meine Antwort nicht gereicht hatte. Und doch war ich überzeugt, dass die nächsten Stunden ausreichen würden, um meinem Sohn am Abend eine richtige, eine echte Antwort geben zu können.

Je mehr ich allerdings nach Antworten suchte, desto mehr Fragen tauchten auf. Fragen - vor allem aber Zweifel.

Den Tag über prüfte das EKG bei einem Patienten mit Brustschmerzen, impfte eine Patientin gegen Tetanus. Ich löste schmerzhafte Blockierungen der Lendenwirbelsäule und riet zum Nikotinverzicht bei einem Patienten mit angegriffener Lunge. Schließlich setzte ich Akupunkturnadeln gegen Kopfschmerzen und verschrieb Tabletten gegen hohen Blutdruck. Dann freute mich über die hervorragende Heilung der aufgeschürften Knie eines Jungen, der mit seinen Rollschuhen gestürzt war.

Ja, ich war mir sicher - ich war ein richtiger, echter Arzt!

Irgendwann am späten Nachmittag ging die Tür meines Behandlungszimmers auf. Vor mir stand eine Patientin - sie erinnerte mich an meine damalige Nachbarin, die eine warmherzige Frau mit lieben, tiefblauen Augen gewesen war und für mich als kleinen Jungen immer ein offenes Ohr gehabt hatte.

Die Patientin vor mir aber wirkte sehr müde und trotz ihrer Fülle irgendwie zerbrechlich. Ihre Haut war fahl, ihre Augen trüb, ihr Körper kraftlos.

- Ich sehe jeden Tag kraftlose Menschen. Männer und Frauen, Heranwachsende und Menschen, die im so genannten besten Alter sind. Viele von ihnen fühlen sich ausgebrannt. -

Ich stellte mich also auf die Patientin ein, denn als richtiger, echter Arzt erkannte ich, dass auch sie - wie so viele - alle Anzeichen einer ausgebrannten Natur mit in die Praxis gebracht hatte.

"Herr Doktor, ich wundere mich, dass ich mich dem Ganzen nicht mehr recht gewachsen fühle" begann sie. "Dem Ganzen?" fragte ich und hatte dabei sofort eine Vielzahl von möglichen Ursachen vor Augen - Schlaflosigkeit, Überlastung, Ermüdungserscheinungen, vermutlich ein pflegebedürftiger Angehöriger, vermeintliche und vor allem vermeidbare Verpflichtungen, Sorgen, Belastungen in der Familie, keine Ruhepausen, dafür Hektik und Überforderung. Denn als richtiger, echter Arzt helfe ich schließlich jeden Tag dabei, Menschen heile zu machen. Ihre Körper wieder gesund und ihnen bewusst zu machen, dass sich ihr Körper mit Hilfe der richtigen Versorgung selbst helfen und heilen kann. So er denn in Ruhe gelassen wird.

Das ist das Wunder der Heilung.

Wie sich im Laufe der Untersuchung ergab, war die Patientin physisch gesund. Müde zwar, aber gesund. Und in der Lage, sich selbst zu kräftigen - wenn ihr doch nur ein wenig mehr Verständnis entgegengebracht werden würde. Sie war für ihre Familie da, für ihre Kinder, ihre Enkelkinder, für Verwandte, Freunde und Nachbarn, für Vereinsmitglieder und für die tatsächlich hilfsbedürftigen Menschen, die sie ehrenamtlich betreute. Kein Wunder bei all den vielen Aufgaben - dachte ich. Und doch rührte mich etwas an. Diese Patientin klagte nicht. Sie forderte nichts. Sie grämte sich nicht, erst recht aber erwartete sie nichts. Sie erwarte keine Wunder von einem, von dem doch halbwegs Göttliches erwartet werden könnte?

Als ich ihr riet, in möglichst allen Bereichen kürzer zu treten, lächelte sie nur und nahm während der Verabschiedung meine Hand.

"Herr Doktor, aus welchem noch so guten, medizinischen Grund sollte ich, wie Sie sagen, kürzer treten? Ich liebe doch jeden Einzelnen von ihnen. Von ganzem Herzen. Das ist nun einmal meine Natur."

Ich bin ein richtiger, echter Arzt - sowohl von der Schulmedizin, als auch von alternativen Heilmethoden überzeugt. Aus diesem Grund bin ich mir sicher, dass Wunder der Heilung jederzeit möglich sind. Und das durch einfache, nicht einmal verschreibungspflichtige Arzneien - nämlich durch gegenseitigen Respekt und vorausschauende Rücksichtnahme. So "unmagisch" dies auch klingen mag.

(Dr. med. Thomas Günther)

Dr. med. Thomas Günther ist Facharzt für Allgemeinmedizin und führt eine hausärztliche Praxis in Lübeck/St. Jürgen


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