PetriVisionen WUNDER

Heilung   5. April 2008, 23 Uhr

Auf ihrem Treffen in Helsinki im Jahr 2006 verfassten die Gesundheitsminister der Europäischen Union folgende gemeinsame Erklärung: "Wir stellen uns hinter die Feststellung, dass es keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit gibt. Psychische Gesundheit ist von zentraler Bedeutung [...] und sollte daher als integraler und wesentlicher Teil anderer Politikbereiche wie zum Beispiel Sozialwesen, Bildung und Beschäftigung betrachtet werden."

Die Minister bemängelten, dass seelische Gesundheit als eine Selbstverständlichkeit angenommen werde und Behandlungsmöglichkeiten zu wenig Beachtung fänden. Die Ursachen hierfür liegen sicher in der wenig verbreiteten Allgemeinkenntnis über seelische Krankheiten. Traurigkeit ist nicht gleichbedeutend mit Depression und Schüchternheit nicht mit einer sozialen Phobie. Ein Exzentriker ist meistens nicht psychotisch.

Erkrankungen der Seele werden mit Hilfe von Diagnosemanualen erfasst und benannt. Was als Krankheitsbild gilt und was nicht, wird jedoch nicht nur durch die Symptomatik bestimmt, sondern auch durch die Zeit und den kulturellen Raum, in dem die Krankheit auftritt.
So wurde die Homosexualität noch bis 1990 im gängigen Diagnosemanual der Weltgesundheitsorganisation WHO als seelische Krankheit aufgeführt.

Während die Hysterie seit 1952 dort nicht mehr als Krankheit gilt, haben Depressionen in den letzten Jahren dramatisch zugenommen.
Und die Anzahl der Phobien ist kaum noch zu überschauen.
Diese Angsterkrankungen sind nicht universell, sondern vom jeweiligen kulturellen Hintergrund abhängig.

Man geht davon aus, dass heute fast jeder dritte Mensch im Laufe seines Lebens mindestens einmal eine psychische Erkrankung erleidet.

Als Psychologe in einer psychiatrischen Klinik behandle ich Menschen, die mit ihrer ganzen Seele leiden.
Ihr Fühlen, Denken und Handeln, ja häufig auch der eigene Körper ist für sie zu einer unerträglichen Last geworden.
Sie schaffen es nicht mehr alleine aus diesem Zustand heraus zu kommen und benötigen Hilfe.
In der Klinik behandeln wir ganzheitlich, weil die seelische Krankheit den ganzen Menschen betrifft.
Die Patienten werden aus ihrer Isoliertheit heraus geführt, bekommen wohltuende körperliche Anwendungen, lernen ihr Leben dadurch zu verändern, dass sie besser auf sich und ihre Bedürfnisse achten.
Medikamente unterstützen den Heilungsprozess, aber nicht immer und nicht bei jedem wirken die Psychopharmaka.

Frau A. war wegen einer schweren Depression bereits 12 Wochen lang bei uns in stationärer Behandlung.
Weder Psychotherapie noch Medikamente hatten ihr Erleichterung verschafft.
Frau A. war verzweifelt und zeitweise suizidal.
Einen Tag bevor wir einen neuen Therapieansatz mit ihr beginnen wollten, geschah das Wunder.
Die Patientin, deren gequälter Gesichtsausdruck uns nur zu gut bekannt war, kam mir lächelnd auf dem Flur entgegen.
Sie hatte das Schlimmste überwunden und ist weiter auf dem Wege der Besserung. Eine Erklärung für diesen Prozess haben wir nicht.

Wenn Patienten bei der Entlassung aus der psychiatrischen Klinik gefragt werden, was ihnen am meisten dabei geholfen hat gesund zu werden, nennen sie nicht zuerst die Bemühungen des Behandlungsteams, nicht die erarbeiteten Ziele, die sie erreicht haben; auch nicht die Psychopharmaka. Die häufigste Antwort auf diese Frage lautet weltweit: Der Kontakt zu den Mitpatienten, zu Menschen, von denen sie verstanden und akzeptiert werden.

Der amerikanische Psychologe Martin Seligman beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, welcher Faktor am wirkungsvollsten zur seelischen Gesundheit beiträgt. Alle seine Forschungen kommen zum selben Ergebnis. Es ist das Empfinden von Dankbarkeit.

(Martin Kallies)


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