PetriVisionen WUNDER |
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Heilung 5. April 2008, 23 Uhr Das Heil ist die Hölle. Wenn ihr leben wollt, dann meidet das Heil. Bleibt gesund, wenn ihr könnt, wenn eure Körper und eure Seelen es gestatten. Aber meidet das Heil, vor allem hier oben, im Geiste. Ist es nicht verrückt, dass ein altnordisches Adjektiv für "ganz, vollkommen, gesund und glücklich" genau so lautet wie der Name der germanischen Göttin des Totenreichs? Hel: Heil und Hölle. Nicht notwendig ein Reich der züngelnden Flammen, aber bestimmt auch nichts besseres als ein Ort der Entropie. Wer vollendet heil ist, stirbt den Wärmetod. Und wer das Heil noch nicht ganz ergriffen hat, aber wie besessen danach trachtet, dem wird alles Heillose und Unvollkommene zum Objekt der Überwindung, Säuberung und Vernichtung. Heil: es ist doch kein Zufall, dass ausgerechnet dieses Wort zum Pflichtgruß wurde im mörderischsten politischen System aller Zeiten. Das Heil ist die Hölle. Die Geschichte hat's bewiesen. Man muss das Wort nicht verbieten und auch nicht den Gedanken. Aber man sollte achtsam sein, auch bei den Derivaten: Heilkunde, Heilslehre, ja und auch: Heiligkeit. Und Ganzheit, Perfektion, Gesundheit, Vollkommenheit. Auch diese bedeutungsverwanden Begriffe. Sie müssen alle nichts Schlimmes bedeuten. Haben aber das Zeug dazu. Sie normieren, sie schreiben einen Status fest. Sie werden zu sprachlichen Aussichtstürmen, von denen es sich auf alles andere herabschauen lässt: auf das Kleine, das Minderwertige, nicht Geglückte. Mit dem Wort "Heilung" ist es nicht ganz so problematisch, denn Heilung meint einen Prozess, eine Entwicklung, eine Bewegung zum Besseren hin. Aber all diese -heiten und -keiten, diese festgeschriebenen Zustände, die haben es in sich. Das Lieblingswort der Esoteriker und Biodynamiker, aber auch mancher kirchlicher, therapeutischer und medizinischer Gruppen, dieses Wort "Ganz-heit-lich-keit" ist allein schon durch seine Doppelfixierung in der Wortbildung so ein Ungetüm, dass es eigentlich kaum etwas Gutes bedeuten kann. Unsere Geistesgeschichte, die über lange Strecken ja auch eine Geschichte des religiösen Geistes war, ist durch und durch infiziert von einer christlichen Heilslehre, in der biblische Impulse und griechische Philosophie zu einer folgenreichen Einheit verschmolzen sind. Heil und Unheil, Gesundheit und Krankheit, Gut und Böse. Eine Kunst der Unterscheidung, die aber nicht nur Lebenstatsachen differenziert, sondern auch Welten voneinander trennt. Und das Bestreben gilt dabei immer wieder der Reinheit der Lehre. Wer teilhaben will am geistigen Prozess der Welterfassung, muss sauber und klar sortieren, schneiden und scheiden, hierarchisieren und klassifizieren. Das mag alles sinnvoll und richtig sein. Aber es beruhigt natürlich auch ungemein, wenn man die Wahrheit über das Leben unter "Römisch I, arabisch 1, A, Alpha" abhandeln und säuberlichst abheften kann. Und da steht es nun, das Heile, das Reine, der klare Gedanke - und ist bestens vorbereitet, zur Waffe gegen alles zu werden, was weniger heil und sauber ist. Ein Blick auf die religiöse und geistige Lage der Gegenwart zeigt deutlich, dass das Interesse an Heil und Heiligkeit wieder bemerkenswert zugenommen hat. Seit über 20 Jahren geistert das Stichwort von der "Wiederentdeckung des Heiligen" durch die Feuilletons. Und die Kirchen freuen sich, können sie doch zu Recht auf neuen Zulauf hoffen, denn - so vernimmt man des Öfteren - für Heilsfragen sei man schließlich die kompetenteste Institution. Und während die einen auf diese neu erwachte Sehnsucht mit bemerkenswert einfachen Glaubenssätzen an der Grenze zum Debilen reagieren, setzen sich andere der brutalen Herausforderung, intelligible theologische Gedanken zu formulieren, gar nicht mehr aus. Es genügt ja offenbar auch, die numinosen Erfahrungsräume des Kultes auf Hochglanz zu polieren. Und den religiösen Zynikern, die in Heilungsgottesdiensten Lahme wieder gehen lassen und damit jeden Kranken und Krank-Bleibenden demütigen, denen will ich gar nicht erst die Ehre großer Aufmerksamkeit zukommen lassen. "Simul iustus et peccator". So hat Martin Luther die Situation des Menschen trefflich in Worte gefasst. Es gibt nicht den Status einer vollständig erlangten Vollkommenheit. Der Mensch ist allezeit Gerechter und Sünder zugleich, vollkommen und unvollkommen, gesund und krank, rein und unrein, heil und heillos. Das gilt nicht nur für den Menschen als Individuum. Auch die Kirche als "corpus permixtum" ist ein Mischgebilde aus heiligem und unheiligem Ort. Wenn man diese Ambivalenz, diesen wohl unauflöslichen Widerspruch erfasst, dann werden alle religiösen Heils-, Heilungs- und Heiligkeitspropheten zu Scharlatanen und Lügnern. Es ist gut, nach dem Guten zu streben. Es ist in Ordnung, auf Gesundung und Heilung und Linderung von Schmerzen zu hoffen. Aber man suche, man erwarte bitte nicht das Heil, nicht auf Erden, nicht in Raum und Zeit. Denn es könnte die Hölle sein. Adornos Diktum - "es gibt kein richtiges Leben im Falschen" - wenn wir das religiös interpretieren, dann dürfen wir ihm sanft widersprechen. Denn dieses Falsche ist zugleich das einzig Richtige, das wir haben. Und ich glaube, es ist möglich, in diesem Richtig-Falschen das Richtige zu tun. Das führt uns nicht zum Heil. Aber dennoch können Wunder geschehen. (Pastor Dr. Bernd Schwarze) Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck |
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