PetriVisionen WEIHNACHTS-SPECIAL

Zuviel des Guten   23. Dezember 2009, 23 Uhr

Wie groß ist Gott? Wie groß ist das, woran wir glauben? Nun, unendlich, nicht wahr? Alle Himmel und alle Erden umfassend, mindestens so groß wie unsere ganze Welt. Und so zelebrieren wir ihn mächtig in majestätischen Kathedralen. Jauchzen und frohlocken ihm, vor allem in der Weihnachtszeit, mit Pauken und Trompeten. Stimmen ein in der Heerscharen der himmlischen Chöre. Freu dich, Erd und Sternenzelt, Halleluja. Aber reden wir hier wirklich von Gott. Oder feiern wir nur unsere eigene maßlose Unersättlichkeit?

Es genügt eine schlichte Relektüre der Geburtslegende im Lukasevangelium, um festzustellen, dass die Weihnachtsreligion nicht nur zu viel des Guten will, sondern dass sie den theologischen Impuls der Erzählung diametral verfehlt. Im Kern der Geschichte von Bethlehem ist Gott gerade nicht der voluminöse Universale. Im Gegenteil, er ist eine klitzekleine Konkretion, ein neugeborenes Kind. Eine angemessene Frage hierzu kann nicht Gottes Exorbitanz thematisieren. Sie müsste vielmehr lauten: Wie klein ist das, woran wir glauben? Sie gilt nicht der Suche nach dem einen großen Sinn, sondern den Bedeutsamkeiten im konkreten Einzelfall. Das Makrosystem theologischer Dogmatik bedarf dringend einer mikroskopischen Korrektur.

Und so habe ich mich darin versucht, ein paar mikrotheologische Gedanken zu entfalten. Doch ich kam nicht so recht voran, ging doch - wie ich lernen musste - alles Mikro-Denken immer noch zu sehr von einer höheren umfassenden Struktur aus, aus der sich kleinere Strukturen ableiten ließen. Und während ich über diesen Nanos, diesen Zwergengott in der Krippe meditierte, überlegte ich, ob mir die physikalische Nano-Theorie vielleicht weiterhelfen könnte. Und in der Tat fand ich bei meiner Recherche eine wahrhaftige Weihnachtsphysik.

"There's plenty of room at the bottom", war der bemerkenswerte Titel eines Vortrags, den der Physiker Richard Feynman 1959 hielt. Er gilt als Gründungstext der Nanowissenschaften. "Es ist genügend Platz am Boden", sagte Feynman. Und er meinte damit, dass die feinsten molekularen Strukturen eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorchen, sich von unten her aus sich selbst heraus organisieren und sich nicht mehr aus höheren Prinzipien ableiten lassen. Martin Luther charakterisierte einmal die Besonderheit des Christusglaubens in dem Diktum: "Was gaffst du zum Himmel, hier unten hast du's".

Feynman fragte seine Zuhörer, ob sie sich vorstellen könnten, dass eines Tages die Informationen aller 24 Bände der Encyclopedia Britannica auf einer Nadelspitze Platz fänden. Was damals wohl noch ein Raunen hervorrief, dürfte uns in den Zeiten immer kleiner werdender Speichereinheiten nicht mehr sonderlich überraschen. Erstaunlich finde ich nun aber, dass sich bereits Theologen des Mittelalters der Frage annahmen, wie viele Engel wohl auf einer Nadelspitze sitzen könnten. Sie errechneten erstaunlich große Zahlen. Demnach dürfte die Ausdehnung der himmlischen Heerscharen, die den Hirten auf dem Felde die frohe Kunde brachten, ziemlich gering gewesen sein. Nanotheologisch könnte es sich lohnen, sich auf die Suche nach der Nadel im Haufen aus Heu und aus Stroh zu begeben.

Alle großen Einheiten, so lehren die Nanowissenschaften, seien im Wesentlichen durch ihr Volumen bestimmt. Im Bereich der kleinsten Teilchen jedoch, trete das Volumen zugunsten der Oberflächeneigenschaften zurück. Nicht mehr die allgemeine Gravitation sei die leitende Kraft, sondern es gelte, die Abstoßungs- und Bindungsmöglichkeiten aufgrund der je individuellen Oberflächen zu betrachten. Der große Gott, so möchte ich ergänzen, bezieht seine universale Bindekraft wohl überwiegend aus seiner Voluminosität. Ansichtige oder begreifbare Oberflächen werden ihm in den überlieferten Zeugnissen gerade nicht zugeschrieben. Wie anders jedoch ergeht es offenbar dem Nanos in der Krippe. Seine gänzlich gottuntypische sichtbare und berührbare Oberfläche einer kindlichen Menschengestalt scheint unmittelbar anziehend zu wirken.

Weihnachten - nanotheologisch gedeutet: Es geht nicht darum, ob ein großer allumfassender Gott sich vorübergehend erniedrigt, nur die Gestalt eines Knechtes in einer besonderen Maskierung annimmt, wie manche Weihnachtsliedertexte glauben machen wollen. Diese folgen lediglich der Top-down-Struktur der Makro-Systeme. Liest man das Christusereignis aber nanotheologisch, so ergibt sich: In der einzelnen, kleinstmöglichen Konkretion eines quasi-molekularen Menschenlebens ist Gott vollständig anwesend. Verbindet sich mit anderen, wirkt somit bottom up. "There's plenty of room at the bottom." Noch in der kleinsten Krippe. Die Unterscheidung von Gott und Mensch wird unscharf, wie schon Luther in seinem "fröhlichen Wechsel" lehrte.

Weihnachten: Sehnsucht nach Frieden, Gerechtigkeit und Liebe. Wo werden wir fündig? Nicht in den himmlischen Sphären, im Reich universaler Ideen. Nicht in der Tiefe allen Seins ist die erlösende Wahrheit zu Hause. Sondern ganz konkret im Antlitz des Menschen, dem wir begegnen. In seinem Lächeln, seinen Tränen, in der Hand, die er uns reicht, um sich mit uns göttlich zu verbünden. Nano, du mein Leben.

(Pastor Dr. Bernd Schwarze)

Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck


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