Zuviel des Guten 23. Dezember 2009, 23 Uhr
Mehr! Mehr!! Mehr!!!
Weihnachten ist das Fest der Rekorde.
Kurz nach der Sommerpause wird von der Osterhasen-Produktion auf die Fabrikation von Weihnachtsmännern umgeschaltet, zu den Herbstferien grinsen Spekulatius aus den Kaufhaus-Regalen und noch vor dem 1. Advent weiß man wieder, dass die Geleemasse in Dominosteinen wirklich nicht lecker ist. Der Weihnachtsgeschmack ist schon schal geworden, bevor er überhaupt anfängt.
Aber dann geht es erst richtig los:
Die ganze Stadt wird vollgestellt mit Buden, und weil das noch nicht reicht, wartet man stundenlang im Nieselregen, um sich durchs schmale Spalier im Heilig-Geist-Spital zu drängeln. Der Glühwein macht schon in der Mittagspause einen schweren Kopf, in der Altstadt hängt eine Wolke aus verbrannten Mandeln und ranzigem Mutzen-Fett. Die Stadt ächzt unter der Zahl der Besucher, noch der letzte Zentimeter wird mit Reisebussen zugeparkt und in die Petri-Kirche kommt der 25.000ste Besucher aus Spanien angedüst. Gott erhalte unseren Flughafen!
Weihnachten ist ein Fest für das Guinness Buch der Rekorde. Der Einzelhandel meldet selbst in der Krise noch Zuwachsraten, denn wenn gar nichts mehr geht, bleibt immer noch der Kaufrausch. Sparen kommt morgen, heute gibt's Geschenke, 86 Mrd. Schulden pünktlich zu Weihnachten - als müsste nach dem Bankenkollaps jetzt auch noch der Staatskollaps ausprobiert werden. Weihnachten als Ekstase der Verausgabung. Süßer die Glocken nie klingen … die Erde entlang, bis alles im weißen Rauschen erstickt.
Zuviel! Zuviel!! Zuviel!!!
Weihnachten ist immer zuviel. Genauer gesagt, Weihnachten ist das Fest des Zuviel:
Zuviel Essen, zuviel Trinken, zu viele Geschenke. Schlimmer noch: zuviel Familie, zuviel Besinnlichkeit, zuviel Wärme, zuviel Nähe - zuviel Fest. Wie soll man drei Tage Feiern? Wie kann das, wo doch alles höflich und artig zugehen soll - Seid nett zueinander! -, gut ausgehen?
Tut's ja auch nicht, die Kirche ist viel zu früh viel zu voll; das Krippenspiel viel zu hastig vernuschelt; die Gans verbrannt oder fettig oder trocken; und sowieso liegt sie schwer im Magen, weil man ohnehin keinen Hunger hatte und nach den vielen Keksen eigentlich schon die Vorspeise zu viel war. Doch die nächste Mahlzeit kommt bestimmt.
Dazwischen erdrücken die Geschenke sich gegenseitig, und das Auspacken oszilliert zwischen Wettkampf und Marathon. Wie soll da Freude aufkommen oder gar Besinnlichkeit?
Klar kommt es zum Krach, ist ja logisch; wieso und warum soll jetzt Frieden herrschen? Die Hölle, heißt es bei Sartre, ist nicht das ewige Feuer im Jenseits, die Hölle - das sind die anderen. Na ja, gut zu wissen, dass es bei dem auch nicht besser war zuhause. Geschlossene Gesellschaft: das trifft die Sache, die Familie als geschlossene Gesellschaft. Selbstverständlich, Weihnachten ist das Fest der Nächstenliebe, aber nur in der Vorweihnachtszeit, anschließend fordert die Familie ihren Platz, wenigstens an Weihnachten wollen wir doch alle beisammen sein! Klar ist das die Hölle.
Johannes Scheffler alias Angelus Silesius hat vor 350 Jahren über Weihnachten gedichtet "Der Himmel senket sich, er kommt und wird zur Erden. Wann steigt die Erd' empor und wird zum Himmel werden?"
Weihnachten der Himmel auf Erden?! Oh ja, so soll es sein, auch wenn es nie so kommt. Verfehlt nicht gerade das Zuviel immer schon Weihnachten? Weihnachten: eine gigantische Maschinerie, eine Kauforgie, ein Genussrausch - und doch kein rauschendes Fest. Das rauschende Fest ist der gezielt gesteigerte Exzess, wenn für den ganz besonderen Tag im Leben kein Aufwand zuviel ist oder im glücklichen Moment der Augenblick uns an sich reißt und so zum geglückten Rausch enträt, der in seinem Taumel noch jede Zurückhaltung durchbricht. Auf dass alle noch im Kater sich an das Glück erinnern, das sich im Fest als Rausch eingestellt hatte. Zum Rausch wird ein Fest, wenn an der Kante zur Übersteuerung die Verausgabung sich zum Überschuss verdichtet und als Mehrwert in Erfahrung umschlägt.
Lebenskunst bedeutet, auf dem schmalen Grad zu steuern zwischen einem Diesseits des Mehrwerts, wo der Verausgabung immer nur Erschöpfung droht, und einem Jenseits gesteigerter Lebensenergie, wo die Katerstimmung mit ihrem dröhnenden Rauschen wartet. Rausch und Rauschen verweisen aufeinander; kein Taumel ohne die Gefahr des Zusammenbruchs, und beide zusammen erst öffnen jenen Spalt, der Leben gelingen lässt. Weihnachten ist kein rauschendes Fest, viel eher: der kalkulierte Überfluss, die reine Verausgabung ohne überschüssigen Mehrwert. Pulverschnee, Sprühsahne, Rauscheengel, Goldsterne und Duftaromen: vor lauter Besinnlichkeit entgleitet Weihnachten leichter in die Besinnungslosigkeit als in einen Rausch. Weihnachten ist immer schon zuviel, noch bevor es losgeht.
Wo bleibt der Spalt?
"Nach dem Spiel" ist bekanntlich "vor dem Spiel!" - über 2000 Mal ist Weihnachten nun schon gekommen, ohne dass die Erde zum Himmel geworden wäre. Und heute deutet alles daraufhin hin, dass sie eher absäuft als aufzusteigen. Nein, die Erde wird nicht zum Paradies, auch nach diesem Weihnachten nicht. Eher schon wächst aus der Wiederholung selbst die Differenz. Wann steigt die Erd' empor und wird zum Himmel werden? - Wenn heute das Fest schon vorbei ist, dann könnte morgen doch eigentlich etwas beginnen, sogar rauschende Weihnachten!
(Cornelius Borck)
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