PetriVisionen TRÄUME

Nacht und Tag   06. Februar 2010, 23 Uhr

Es sind diese Nächte, die unser Leben ausmachen. Diese durchwachten und durchdachten, die durchfürchteten und durchgeweinten, diese durchfrorenen und auch die durchgeliebten. Und die, die nichts anderes waren als ein einziges Warten auf ein wiedererstrahlendes Licht. Nächte prägen Biographien, Nächte wenden das Schicksal einer Welt. Nächte sind kosmische Katastrophen im Probealarm. Bleibet hier und wachet mit mir. Und der Tag des Herrn wird kommen, heißt es, wie ein Dieb in der Nacht. Und all dieses nur, weil der Globus sich dreht, bemerkenswert verlässlich und träge, träumerisch beständig.

Die Nacht an sich ist wie ein böses Nichts. Finsternis war anfangs das Hauptmerkmal der vorkreatürlichen Chaosmacht. Ordnung und Leben schaffen, das hieß für Gott, zunächst einmal das Licht anknipsen und alles Dämonische und Widergöttliche zu bändigen und das Reich des Schattens auszuleuchten. Er vernichtete es nicht. Er wies ihm seinen Platz zu in der anderen, der immer noch dunklen Hälfte aller Zeit. Und so ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

Und am zweiten Tage teilte er Land und Wasser, und schon am dritten ließ er Bäume, Sträucher, Gräser wachsen, und merkte erst dann, dass er zum Tage Eins noch etwas nachzubessern hätte. "Licht" hatte er gesagt und augenblicklich auch entstehen lassen. Doch die erforderlichen Leuchtmittel, die schraubte er dann erst am vierten Tage ein. Die Sonne für das Tageslicht und eine bunt gemischte, an Gottes Helligkeit erinnernde Notbeleuchtung für die dunkle Zeit. Denn gänzlich lichtlos wäre die Nacht wohl ein gottloses Sein. Und ein bisschen hat es sich eingebrannt ins menschliche Gemüt und in die religiösen Sprachen aller Welten, aller Zeiten: der Tag ist dem Leben, die Nacht dem Tod geweiht. Und ich kenne niemanden, der sich nicht mindestens ein wenig ängstigt, manchmal, in der Dunkelheit. Viele Menschen können nur schwer einschlafen, fürchten sich trotz überbordender Müdigkeit vor dem Kontrollverlust, dem Hinübergleiten ins Bewusstlose, das einem kleinen Tode gleicht. Angst vor der Nacht, Angst vor dem Tod.

Die Religion: in den meisten Kulturen ist es ihr gelungen, den Tod nicht als einen Verfallsprozess, sondern als eine Transformation zu deuten. Als eine Verwandlung des Leiblichen, eine Neu-Umkleidung des vergangenen Lebens, einen Aufstieg der Seele, eine Wiedergeburt, eine himmlische Zukunft, als ein Erreichen einer höheren Seinsweise im Licht. In all dem bleibt die Nacht eine Todessphäre, nur ist sie ihrer Dämonie und drohenden Unendlichkeit entrissen.

Und so nimmt es nicht wunder, dass in vielen Mythen, Legenden, religiösen Erzählungen aller Art nun der Nacht und dem Schlaf und dem Traum eine poetisch-transformatorische Bedeutung zugeschrieben wird. Jakob in Todesangst auf der Flucht nach Haran. Erschöpft legt er sich zur Ruhe auf einem Stein und sieht Engel auf einer Himmelsleiter auf- und niedersteigen und lauscht der Verheißung einer gesegneten Zukunft. Joseph, dem Gott in seinen Träumen die Erwählung offenbart. Erscheinungen von wandernden Sternen und himmlischen Gesängen in der Heiligen Nacht. Der Pharisäer Nikodemus, der sich nächtens zu Jesus schleicht und sich der göttlichen Erkenntnis öffnet. Der Himmel, der sich mitten am Tage in der Todesstunde am Kreuz verfinstert. Und es geschieht in einer Abendstunde, dass den Jüngern zu Emmaus das Licht des Auferstandenen dämmert.

Aus all diesem ließe sich nun pastoral-konsequent ableiten, dass ein frommes Gemüt auch ein einigermaßen entspanntes Verhältnis zur Nacht haben müsste. Möglicherweise stimmt das sogar. Nur löst das keineswegs das epistemologische Problem um Tag und Nacht und Tod und Leben. Es sei denn, man wollte einer Erkenntnislehre folgen, wonach das Angenehme und das Wahre ein und dasselbe wären. Jede streng wissenschaftliche Betrachtung dürfte jedoch in Hinsicht auf reale Transformationsmöglichkeiten durch den Tod hindurch mit guten Gründen skeptisch bleiben. Anders ausgedrückt: auch ich schlafe schlecht.

Und dennoch möchte ich - bei allem unverstellten Blick auf die Dinge - die Poetik der Nacht und des Todes loben. Es ist kein Selbstbetrug, sich in eine Sprach- und Bilderwelt einzuüben, die der Todesverfallenheit des Lebens trotzt und der Schönheit und der Hoffnung Raum gibt. Denn es ist eine solche Poetik, die es auch jenseits aller traditionellen Religiosität erlaubt, irdisch noch schon himmlisch zu sein.

Es sind diese Nächte, die unser Leben ausmachen. Und von all den durchwachten und durchdachten, durchfürchteten und durchgeweinten, durchfrorenen und allem den durchgeliebten möchte ich nicht eine einzige missen. Durchgeschlafene mit einem erfrischten Erwachen am Morgen hätte ich gern noch einige mehr. Im 126. Psalm heißt es: "Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden." Vielleicht kommt die Nacht, in der wir es erleben.

(Pastor Dr. Bernd Schwarze)

Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck


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