PetriVisionen MENSCH |
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Gewalt 1. September 2007, 23 Uhr "Manchmal schlage ich einfach zu. Die einen packen sich vorübergehend auf die Fresse, die anderen stehen nie wieder auf. Ich muss mir nicht mal selbst die Finger schmutzig machen. Zebaoth heißt mein Söldnerheer, und die töten ohne mit der Wimper zu zucken. Oder ich bringe diese armseligen Würmer da unten dazu, sich gegenseitig zu vernichten. Es ist so leicht, Menschen zu manipulieren. Sie nennen mich ihren Herren, sie nennen mich Gott, sie nennen mich sogar die Summe alles Guten. Haha, ich bin, der ich bin. Ich reize einen jungen Mann zur Eifersucht, und er erschlägt seinen Bruder. Ich bringe einen ältlichen, mir rührselig treuen Kerl so in die Bredouille, dass er bereit ist, seinen einzigen Sohn abzuschlachten. Ich wette mit einem spielsüchtigen Partner um die Seele eines Menschen und lasse ihn an seinen eitrigen Geschwüren fast verrecken. Warum? Weil es geht. Weil ich's kann. Weil meine Launen, meine Gier nach mehr Macht, mein Plan von der ganzen Geschichte nun mal meine Sache sind. In den Berichten über meine Taten steht manchmal: weil es ihm gefiel. Die da unten kapieren's eh nicht. Sie nennen es Barmherzigkeit." Tja. Als mir heute morgen die Idee zu diesem Monolog in den Sinn kam, da habe ich lange überlegt, ob ich das wirklich mache. Sowas ist doch böse, zynisch und blasphemisch. So etwas sagt man nicht ungestraft. Doch allein schon diese innere Reflexion zeigt, wie unfrei man selbst ist in dem Versuch einer ehrlichen Auseinandersetzung um Religion und Gewalt. Man wird nicht gleich vom Blitz erschlagen, aber es wird sich schon jemand finden, der sich der Sache annimmt. Jemanden mundtot zu machen, ist auch eine Art des Tötens. Was dem Medientheologen Jürgen Fliege, dessen Populismus ich nicht schätze, dessen Argumente ich aber manchmal sehr präzise finde ... Was Jürgen Fliege kirchlich das Genick gebrochen hat, war, dass er Gott einmal "diesen Gangster da oben" nannte. Er tat dies nicht aus Jux, sondern aus echter Bestürzung über menschliches Leid. Man kann eigentlich kaum Schlimmeres tun, als mit institutioneller Gewalt die kreative Freiheit im Umgang mit den Phantasien über Gott und Mensch zu verbieten. Alle Aussagen über Gott, ob biblisch, ob literarisch fromm, ob parodistisch frech und dreist, es sind Reflexionen der conditio humana, in der Sehnsucht um Überhöhung und Überwindung auf eine höhere Ebene projiziert. Mit meinem Eingangsmonolog habe ich weder Gott beleidigen noch den Glauben verhöhnen wollen. Ich wollte lediglich einem Dämon eine Stimmer verleihen, der als eine religiöse Stimme in unseren Köpfen herumspukt und der seine Spuren auch in den biblischen Texten hinterlassen hat. Das Potential zur Gewalt ist im Menschen offenbar so genuin angelegt, dass er in seiner Phantasie nicht einmal Gott davon frei halten kann, ja sogar mehr noch: aus ihm die Legitimation zur Gewalt ableitet. Natürlich ist die religiöse Tradition von Friedensbotschaften und Ermahnungen zur Friedlichkeit durchzogen. Und hierin mag eine edle, alles Leidvolle überwinden wollende Sehnsucht des Menschen ihren Ausdruck finden. Aber immer wieder wird deutlich, dass der Frieden nicht die Wahrheit ist. Wer sich in kirchlichen Milieus mit prononcierter Friedlichkeitsverpflichtung auskennt, wird mir zustimmen: es gibt kaum fruchtbarere Biotope für eine zwar ins Unterschwellige und Passive abgewanderte, aber ausgesprochen manifeste Aggressivität. Gott wird gewalttätig phantasiert, weil der Mensch per se gewalttätig ist. Und die Phantasien über Gottes Gewalt legitimieren wiederum die menschliche Gewaltbereitschaft. Blasphemisch sind nicht die Phantasien über einen gewalttätigen Gott. Sie helfen nur, die Situation zu klären und unbändig-archaisches im Wesen des Menschen zu benennen und kulturell zu formen. Blasphemisch ist es, sich ohne Reflexion in den Dienst einer religiös legitimierten Gewalttätigkeit zu stellen. Und genau dies ist zurzeit eines der größten Probleme unserer gesamten Zivilisation. Kann die Religion überhaupt etwas beitragen zur Zähmung der Gewalt und zum Durchbrechen ihrer sich immer wieder selbst erneuernden Teufelskreise? Eventuell ja. Eventuell da, wo die Religion ihre Bewegungen anhält und ihre systemischen Logiken unterbricht. Ich finde es schade, dass es dem Neuen Testament nicht gelungen ist seine Botschaft zu verbreiten, ohne ein gewalttätiges Modell in den Mittelpunkt zu stellen und dass es zum Anhalten geschichtlicher Läufte eines Opfers bedarf. Aber immerhin: die Grenzen zwischen dem die Opfertat legitimierenden Gottvater und dem Opfer in Christus werden bemerkenswert uneindeutig. Und es wird die zwar unrealistische, aber dennoch hoffnungsvoll die zerstörerischen Zirkel gefährdende Aussage gemacht, dass dieses Opfer zugleich das Ende aller religiös motivierten Gewalt sein solle. Es ist das Moment eines Selbstopfers, das die Opferungen opfert, darin enthalten. Und das Jesuswort von der anderen Wange, die man dem Aggressor hinhalten solle: es ist ein deutliches Zeichen dafür, dass man versuchen muss, die Systeme, in denen notwendig immer eines das andere ergibt, zu verlassen. Wir werden die Gewalt nicht abschaffen. Aber um besser mit ihr leben zu können, brauchen wir Bildung, Reflexion, Phantasie und Vernunft. Dazu helfe uns Gott. Und manchmal braucht auch Gott unsere Hilfe, um zur Vernunft zu kommen. (Pastor Dr. Bernd Schwarze) Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck |
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