PetriVisionen MENSCH

Geschöpf   5. Mai 2007, 23 Uhr

"Was ist der Mensch?" Was für eine Frage! Klingt ganz normal, ist es aber nicht. "Was ist der Mensch?" ist vielleicht die einzige Frage, die einzigartig ist. Wenn ich meinen Hund frage: "Was ist der Hund?", dann reagiert er aufgeregt. Nicht weil es ihn dazu bewegt, in einen Gedankengang um seine eigene Existenz einzusteigen, sondern weil "Hund" für ihn die anderen pelzigen Vierbeiner auf der Straße sind, die ihn stets in Alarmbereitschaft versetzen. Und ich vermute, dass es ihn nicht sonderlich beschäftigt, ob es vor sieben Jahren dem Willen eines Himmelhunds gefiel, ihn in dieses Leben zu rufen. Und ob er nach seinem Tode auf einer großen Auslaufwiese voller Leckerlis einer ganzen Horde schwitzender Briefträger nachjagen wird, auch diese Frage dürfte ihn kaum quälen.

Was ist der Mensch? Diese Frage ist so besonders, weil das vermutlich einzige fragenstellende Wesen sich hier selbst zum Objekt grundsätzlicher Befragung macht. Antworten auf diese Frage können nicht exakt und sauber sein. Denn jede menschliche Antwort auf die Frage nach sich selbst ist mehr oder weniger betriebsblind und befangen. Was ist der Mensch? Meines Wissens ist in der Geistesgeschichte diese große Frage erstmals in Psalm 8 bezeugt. Aber im Grunde nicht mit einem Fragezeichen, sondern mit einem halb demütigen, halb staunenden Ausrufezeichen versehen. Was ist schon, was ist immerhin der Mensch, dass du seiner gedenkst! Die Frage nach dem Menschen kann im biblischer Zeit nur eine abgeleitete sein, denn der Mensch ist bestenfalls eine Ableitung Gottes, der als Schöpfer Frage und Antwort alles in allem ist. Wenn du fragst, Mensch, dann wisse, dass du als Geschöpf fragst. Alle Antwort ist offenbare oder verborgene Wahrheit Gottes.

"Geschöpf". In seiner Poetik und Bildhaftigkeit ein schönes Wort. Geschöpf: das klingt nach einem Produkt aus einer Suppenküche oder nach dem Ergebnis des Vergießens von Wasser. Gleichzeitig verweist Geschöpf auf Passivität. Man bemerke den heutigen Sprachgebrauch: Haben Sie schon einmal gehört, dass über einen Mann gesagt wurde: "So ein reizendes Geschöpf"? Das sagt man über Kinder oder über begehrenswerte Frauen, die man jenseits ihrer Attraktivität für nicht ganz zurechnungsfähig hält.

Der Mensch als Geschöpf. Das ist für den neuzeitlich-autonomen Menschen nicht angenehm zu denken. Und angesichts der Erkenntnisse der Evolutionslehre auch nicht gerade plausibel in einen Gesamtzusammenhang einzuordnen. Gut: dass ich auf der Welt bin, habe ich nicht selbst verursacht. Und ich weiß auch, dass mein spezifisches Menschsein ein Gemisch aus genetischer Disposition, sozialer Prägung und eigenverantwortlichem Denken und Handeln ist. Doch als modernem Zeitgenossen behagen mir die passiven Aspekte meines Menschseins nicht so sehr. Ich will meine Autonomie gewahrt und gewürdigt wissen. Und man komme mir - auch dem Theologen - nicht mit pseudowissenschaftlichen Rettungsversuchen überholter Weltbilder. "Intelligent Design" ist eine wahnhafte Ausgeburt fundamentalistischer Ideologie. Und ein personaler Gott, der in einem Anfangsakt das Leben schuf und jedes individuelle Sein aus seinem Willen heraus zur Welt bringt, ein solcher Gott ist eine Märchenfigur. Selbst wenn einem die Nacktheit und Kälte mancher Evolutionslehren ziemlich auf den Geist gehen kann: der kreationistische Mist ist nie und nimmer eine ernstzunehmende Alternative.

Dennoch versuche ich, Geschöpflichkeit zu denken. Nicht, weil ich eine Gottesidee retten und verteidigen möchte, sondern aus humanitären Gründen. Und auch wieder nicht, weil eine glaubende Existenz das Menschsein automatisch verbessert. Wir haben leider lernen müssen, dass die Grausamkeit der Gottlosen und die Grausamkeit im Namen Gottes sich nicht sehr voneinander unterscheiden. Die Aufgabe müsste lauten: ein humanistisches Konzept von Geschöpflichkeit zu entwickeln - ohne restaurative Maßnahmen an der Haltbarkeit des großen theologischen Systems. Als Martin Luther seine Kommentierung zum 1. Artikel des Glaubensbekenntnisses schrieb, hat er eine neuzeitliche Ausrichtung vorgedacht und angeschoben. Den Glaubenssatz über Gott den Schöpfer pointiert er so: "Ich glaube, dass Gott mich geschaffen hat samt aller Kreatur." Und auf "mich" liegt der Akzent. Aus einer allumfassenden Machtaussage wird ein Einzelzeugnis über das "Sich-Verdanken" und eine Anerkenntnis der Grenzen der eigenen Lebensverfügung.

Paul Celan schreibt in seinem für mich einzig wahren neuzeitlichen Psalm: "Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm, niemand. Gelobt seist du, Niemand. Dir zulieb wollen wir blühn. Dir entgegen". Und so legt er dar, dass es sogar angesichts eines namenlosen Nichts als Gegenüber eine moderne Existenz des nicht selbst verfügten Seins geben kann. Unsere Befangenheit und unsere Betriebsblindheit angesichts der Frage "Was ist der Mensch?" kann uns lehren, um der Humanität willen eine andere Instanz poetisch zu imaginieren. Das kann uns helfen, wenn wir uns angesichts bedrängender ethischer Fragen um humanoide Apparate, um Gentechnik und Reproduktionsmedizin in unserer menschlichen Begrenztheit so schmerzlich allein gelassen fühlen. Phantasieren wir doch einmal, wir wären nicht das Maß aller Dinge.

"Was ist der Mensch?", fragt der Psalmist demütig staunend. Da steht übrigens eine Regieanweisung im Text von Psalm 8, bevor die Gebetssprache beginnt. "Vorzusingen, auf der Gittit", was auch immer für ein Instrument das sei. Religion ist kein Manifest der absoluten Wahrheit. Religion ist Poesie, ist Imagination, ist Musikalität um des Menschseins willen.

(Pastor Dr. Bernd Schwarze)

Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck


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