PetriVisionen MENSCH

Geschlecht   2. Juni 2007, 23 Uhr

Es war ein durchaus intimer Moment, am heutigen Morgen, an dem mich plötzlich ein Schweißausbruch überkam. Dieser Schweißausbruch war aber keineswegs in der Intimität des Augenblicks begründet. Er rührte daher, dass mir anderswo an diesem Tag zu Leistendes panikartig bewusst wurde, so dass ich nicht anders konnte, als sie zu fragen: "Was in aller Welt soll ich heut' abend erzählen?" - "Sag doch einfach, dass die Frauen das schönere Geschlecht sind," spricht sie da in aller lasziven Unbekümmertheit und reckt sich. Ich schau sie an, immer noch und immer wieder schwer verliebt, und denke: "Stimmt. Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen."

Aber dann entgegne ich: "Nein, ich glaub' das darf man nicht. Die Frauen unter den Besuchern werden zwar ein kleines "Hach" vor sich hin seufzen, doch dann werden sie sich fragen, was für ein Machodenken sich wohl hinter dieser Gentleman-Attitüde verbirgt. Und die vermutlich durchgängig in ihrem Männlichkeitsbewusstsein irgendwann mal schwer gekränkten Männer, werden erst innerlich zustimmen und dann in eine stille Depression entgleiten. So darf man nicht denken und reden, dass verbietet der aufgeklärte Geist." Ein bisschen gelangweilt schaut sie in die Luft, weil ich immer diese langen, komplizierten Anläufe brauche. Und dann fixiert sie mich ganz keck und blickt verführerisch über ihre nackte Schulter: "Dann sag doch einfach, dass Frauen die besseren Menschen sind." Und als ich gerade beginnen will, darüber nachzudenken, da funkeln ihre Augen ganz leicht, und ich kann nicht anders, als dies dämonisch, wenn nicht teuflisch zu finden. Und ich weiß, dass ich ihr vertrauen kann. Aber auch, dass ich ihr niemals trauen sollte.

Das philosophische Nachdenken und das wissenschaftliche Reden über Sex und Gender ist selten erotisch. Jeder Vortrag über das, was da geschieht in neuronalen und liquiden Bahnen ist ein Coitus interruptus der nie ganz problemfreien, aber gelegentlich in ozeanischem Flow befindlichen Selbstverständlichkeiten zwischen Menschen. Geschlecht. Allein der konnotative Wert des Wortes verheißt nichts Gutes. Bis zum Erbrechen sind wir voll mit Bildern über Mann und Frau, von philosophisch-abstrakt bis pornographisch-konkret. Wir wissen alles, und wissen immer noch zu wenig, als dass wir trotz aller Angst und aller Kränkung einfach nur lieben könnten.

"Und sie werden ein Fleisch sein", lautete die biblisch-göttliche Verheißung an die beiden Geschlechter. Es war ein männlich gedachter Gott, der zuerst einem männlichen Geschöpf mittels eines homoerotisch anmutenden Aktes der Rhino-Fellatio den Odem des Lebens gab. Dieser Mann-Mensch musste nun die Welt benennen und schon allein darin wurde er zum Herrscher bestimmt. Bedurfte es zur Erschaffung der Frau einer Vollnarkose des Mannes wirklich aus palliativ-medizinischen Gründen, oder wollte der Mann-Gott dem Mann-Menschen die Demütigung ersparen, die Entstehung der Frau bei vollem Bewusstsein erleben zu müssen?

Mythen sind die hartnäckigsten Kulturträger, die es gibt. Und ihre genderspezifischen Tendenzen lassen sich nicht einfach durch Sprachregelungen überwinden. Die "Bibel in gerechter Sprache" ist eine rührende Angelegenheit, und allen Unkenrufen zum Trotz sage ich: zuweilen poetisch genial!, und dennoch hilflos angesichts der patriarchalen Macht der ihr innewohnenden Tradition. Und die anderweitigen Bemühungen um Mythos-Importe aus verschütteten matriarchalen Kulturen vermögen niemanden so recht zu überzeugen. Und selbst die Segnungen der Popkultur bringen in aller Regel nur Göttinnen hervor, die Männerphantasien bedienen.

Noch die neuzeitliche Kultur ist voll von Unsinn. Denken Sie an Sigmund Freud und den Penisneid. Hat man wirklich mal geglaubt, dass Mädchen sich verstümmelt fühlen, weil ihnen eine äußere Wucherung fehlt? Wenn man es ihnen einredet, dann ganz gewiss. Aber stellen wir uns vor, alle Frauen würden ohne einen Blinddarm-Appendix geboren. Wären Sie dann in der medizinischen Beurteilung benachteiligte Kreaturen? Unsere ererbte und nach wie vor gelebte Kultur steht (!) und fällt mit einem Wurmfortsatz.

Der Mann-Mensch Adam. Vielleicht wuchs ihm der kleine Unterschied erst nach dem Sündenfall hinzu, und zwar als recht bescheidene Erinnerung an die Schlange, durch die auch er sich einst verführen ließ. Adam und der Frau-Mensch. Eva und der Herr-Mann. Und Eva gebar den Nachwuchs unter Schmerzen, unendlich an der Zahl, versorgte und erzog die Kleinen, und aus dem Kindergeld finanzierte sie ihre Karriere und wurde Familienministerin.

"Und was meinst du, meine bessere Hälfte, du besserer Mensch, du schönes Geschlecht?" Oh, sie hat die Augen geschlossen und murmelt im Halbschlaf: "Nicht schlecht, Herr Specht."

(Pastor Dr. Bernd Schwarze)

Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck


zurueckZurück zur Übersicht