PetriVisionen MENSCH |
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Gemeinschaft 7. Juli 2007, 23 Uhr Es geschieht nicht oft, aber manchmal kommt es vor an einem Sonntagmorgen. Da bin ich weder zu müde nach einer arbeitsreichen Nacht, noch muss ich selbst im kultischen Ornat meinen Dienstpflichten nachgehen. Es treibt mich weder die Gewohnheit, noch irgendeine Sorge um mein eigenes Seelenheil. Manchmal am Sonntagmorgen besuche ich einfach so einen Gottesdienst. Ich wundere mich, wie viele kommen, statt auszuschlafen oder mal ganz ausgeruht zu frühstücken. Dass da nur sieben alte Damen sitzen, das ist ja gar nicht wahr. Dann geht es los mit Orgelspiel, und ich bin erstaunt, wie fremd und bisweilen komisch manches bei mir ankommt, was ich, wenn ich sonst selbst da vorne stehe und leite, als ganz normal und recht natürlich empfinde. Dann singe ich mit, so gut ich eben kann. Es kratzt im Hals, das hohe D habe ich bei meiner Stimmlage noch nie schmerzfrei erreichen können. Auch links und rechts von mir höre ich ein Krächzen. Diskret werden Pfefferminzpastillen rumgereicht. Responsorien, Gebete. Dann eine Predigt, ganz schön erzählt, doch in den entscheidenden Sätzen sehr im Formelhaften bleibend. Irgendwann kommt der Moment, den ich am allermeisten fürchte. Obwohl ich sonst gar nicht zu Schweißausbrüchen neige. "Wir geben unserem Nächsten ein Zeichen des Friedens", tönt feierlich der Mann im schwarzen Talar, und sogleich trieft meine Hand wie eine Seehundflosse. Und dann kommen sie alle und lächeln und fassen mich an. Das ist also Gemeinschaft, und Gott ist wohl Zeuge. Die ganz Beflissenen schaffen drei Bankreihen in einer Minute. Und ich will einfach nur weg. Ich bleibe dennoch, geh auch nach vorn zum Abendmahl. Der Kollege, der mir den Kelch reicht, schaut mir wirklich freundlich in die Augen und sagt mit ganz sanfter Stimme tödliche Worte: "für dich vergossen." Gemeinschaft mit Gott, durch Blut, Schweiß und Tränen erkauft. Ich habe das studiert, durchdacht, geprüft und tausendmal geübt. Irgendetwas daran ist ganz schön. Und irgendwie ist es auch ganz entsetzlich. Gemeinschaft braucht wohl Rituale. Und die gemeinschaftliche Welt ist wohl in Ordnung, so lange man sich in den Ritualen zu Hause fühlt. Rituale haben eine hohe Halbwertzeit, und überleben die ihrer Inhalte oft um Jahrhunderte. Die in meinen Augen immer schlimmer werdende religiöse Sprach- und Gedankenlosigkeit überwindet ihre Peinlichkeit in immer weiter ausufernder Liebe zum kultischen Vollzug. Textilien aller Formen und Farben und immer mehr Gesang und Prozessionen und Weihrauch und Lichterbäume. Was sinnlich genug ist, braucht nicht mehr so viel Sinn. Das Begehen ersetzt das Verstehen. Das Alte zelebrieren, weil neues Denken auch schmerzhafte Abschiede bedeuten würde. Dabei ist die rituelle Nostalgie, das Sich-Versenken in Atmosphären, die aus Zeiten stammen, als die religiöse Welt noch in Ordnung schien, nicht mal das Allerschlimmste. Weil man nach dem regressiven Abtauchen in einen längst vergangenen Gottvertrauens-Uterus ja wieder ins Leben hinaus geworfen wird und ganz schnell merkt, dass die Wirklichkeit anders funktioniert. Richtig schlimm hingegen ist die liturgische Konditorei, wie sie fromme, aber minder begabte musikalische und literarische Feinbäcker betreiben, die auf Kirchen- und Jugendtagen ihre subkulturelle Nische gefunden haben. Da wird ein ausgedörrter und angeschimmelter Gedankenteig mit popkultureller Schlagsahne überzogen und mit kandierten Szenefrüchten dekoriert. Und eine an Junk Food gewöhnte Generation verschlingt dies als Leckerbissen, zumal es nicht viele nährstoffreiche Alternativen gibt, und bei denen muss man auch immer so viel kauen. Der Leib Christi, die vielen Glieder eines universalen Gesamtkörpers, das war mal ein Welten tragendes, wirklich schönes Bild. Aber ist so etwas noch vermittelbar, auch jenseits überschaubarer und oft auch überheblicher kirchlicher Bekenntniskreise? Wir kommen nicht daran vorbei: der Trend zur immer radikaleren Individualisierung ist wohl unumkehrbar. Und echte Fundamente für eine funktionierende Gemeinschaftlichkeit sind immer schwerer auszumachen. Und weil eine fast unausweichliche Folge der Individualisierung Einsamkeit heißt, steigt die Sehnsucht nach gemeinschaftsstiftenden Ritualen. Und bald wird jeder Furz zum Event aufgeblasen. Jedes popelige Jubiläum, jeder halbwegs nachvollziehbare politische Anlass bekommt eine weltumspannende Festbedeutung. Da wird ein Komponist der gehobenen Mittelklasse zum Weltstar erhoben, damit eine Stadt ein kulturelles Gemeinschaftserlebnis feiern kann. Da müssen allein am heutigen Tage ("Live Earth Day") Milliarden von Watt durch die Unterhaltungselektronik verpuffen und Tonnen von Abgasen aus Rockstars transportierenden Flugzeugen die Atmosphäre verpesten, um zusammen mit einem Amerikaner, der fast überhaupt nicht Präsident werden will, auf die Klimakatastrophe aufmerksam zu machen. Und nach dem Fest ist wieder alles leer. Und nach dem Fest sind alle wieder einsam. Ich habe auch eine tolle Event-Idee, vielleicht für 2008. Ein Jahr lang verzichten auf alle Jubiläen und Geburtstagsfeiern, auf alle Empfänge und kulturellen Großprogramme, auf alle Festivals und vielleicht sogar auf alle Gottesdienste. Vielleicht fangen die Menschen dann wieder an zu denken. Vielleicht kommen die Menschen dann wieder zusammen? (Pastor Dr. Bernd Schwarze) Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck |
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