PetriVisionen MENSCH |
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Gefühl 6. Oktober 2007, 23 Uhr Zu viel Gefühl kann tödlich sein. Meistens sind dann Gefühle wie Wut, Rache, Angst oder Liebe beteiligt. Zu wenig Gefühl kann schwierig werden, ist aber meistens nicht tödlich. Gar kein Gefühl kann auch tödlich sein. Mitgefühl ist so mittendrin, fällt eigentlich nicht weiter auf, wird aber immer seltener. Mit ganz wenigen Ausnahmen sind Gefühle immer und jederzeit vorhanden, sogar in bestimmten Abschnitten des Schlafes. Egal ob wir reden, zuhören, lesen, uns sonst Gedanken machen, freuen, trauern oder ärgern: Gefühle begleiten uns ständig und steuern und bestimmen so einen Großteil unseres Denkens, Handelns und Verhaltens. Dass wir uns meistens über unser jeweiliges Gefühl nicht im klaren sind, ist vielleicht ganz gut so. Denn sonst müssten wir regelmäßig einen bewussten Abgleich zwischen dem, was wir tun und dem dazugehörigen Gefühl vornehmen. Das würde unweigerlich zur Vernichtung von Spontaneität führen und damit einem elementaren Teil von Lebendigkeit. Bei der Beschäftigung mit dem Thema Gefühl ergibt sich folgendes Problem: Man kann Gefühle nicht direkt sehen, nicht wiegen, nicht zählen, nicht anfassen. Das bedeutet: sie sind nicht quantifizierbar. Sie können aber durch Mimik und Verhalten ausgedrückt werden und so für uns und andere verstehbar, sicht- und nachfühlbar gemacht werden. Wir können aber trotzdem nicht sicher sein, dass unser Gegenüber auch wirklich versteht, was wir fühlen. Ein direkter, objektiver Vergleich ist nicht möglich. Damit ist das Tor für weit reichende Missverständnisse geöffnet, was wir ja alle aus unseren Alltagserfahrungen kennen. Bei den meisten von uns laufen Gefühle im Alltag etwas unterhalb der Bewusstseinsebene irgendwie so mit. Wir können sie uns bei Bedarf klar machen, oft aber nur unvollständig und unscharf. Manchmal können wir sie auch gar nicht verstehen, erklären oder ausdrücken, obwohl es wichtig wäre. Aus ärztlicher und besonders psychiatrischer Sicht gibt es einen wichtigen Punkt beim Thema Gefühle. Wir gehen zwar davon aus, dass Gefühle im Gehirn entstehen und dort auch bewusst werden, wissen aber nicht genau, wo. Wir können es nur vermuten und indirekt aus Beobachtungen z. B. nach Verletzungen des Gehirns, bestimmten Erkrankungen oder aus den Folgen von Operationen schließen. Selbst die Neurochirurgen, die ja nun täglich am Gehirn arbeiten, haben noch nie einen Bezirk im Gehirn gesehen, der ganz eindeutig und abgegrenzt für Gefühle zuständig ist. Die am häufigsten mitgeteilten Gefühle in einer Nervenarztpraxis sind Angst, Trauer, Ratlosigkeit und manchmal das Gefühl einer inneren Leere. Gefühle wie Liebe oder gar Glück kommen fast gar nicht vor, weil sie in der Regel nichts mit Krankheit zu tun haben. Angstgefühle können so mächtig werden, dass sie nicht mehr kontrolliert und beherrscht werden können. Das hat dann erhebliche Auswirkungen auf das Leben dieser Person. Angst kann dazu führen, dass ein Mensch in seinen Grundfesten schwer erschüttert wird und sein ganzes Leben verändern muss. Dauert dieser Zustand Tage oder Wochen an, ist professionelle Hilfe erforderlich. Ein gesunder Mensch ist in seinen sozialen Kontakten darauf angewiesen, dass Andere seine Gefühle nachvollziehen, verstehen können und er die der Anderen. Er muss also die Fähigkeit zur Empathie besitzen, sich "gefühlsmäßig" in Andere hineinversetzen können. Menschen, die das nicht können, haben unter Umständen eine sog. autistische Störung. Ihnen fehlt bei meistens hoher Intelligenz diese elementare Fähigkeit. Sie können sich nicht in ihr Gegenüber hineinversetzen und wirken in Gesprächen meistens etwas entfernt, nicht wirklich spürbar. Im Kontakt kommt es öfter zu Irritationen, weil sie z. B. automatenhaft immer wieder auf ihr Ausgangsthema zurück kommen, einem Gespräch nicht flexibel folgen können und manchmal kaum zu unterbrechen sind. Das Irritierende in derartigen Situationen ist, dass "der Gesunde" sein Gegenüber dann nicht richtig erfühlen kann, obwohl auf seiner Seite ja eigentlich keine "Störung" vorliegt. In der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion spielt auch im Bereich der Psychiatrie das Konzept der "theory of mind" eine wichtige Rolle. Damit ist gemeint, dass sich ein Gesprächspartner in das Denken seines Gegenüber hinein versetzen und ziemlich gut vorhersagen kann, was und warum dieser etwas tut oder eben nicht. Erlernt wird diese Fähigkeit normalerweise zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr. Geschieht dies nicht, entstehen mitunter erhebliche soziale Probleme durch Verständigungsschwierigkeiten, manchmal auch schwere Aggressionen. Zum Schluss möchte ich noch kurz über die Gefühle "Zugehörigkeit" und "Zufriedenheit" sprechen. Es sind keine spektakulären Gefühle, eher "so Randgefühle". In unserer Gesellschaft hat sich an vielen Stellen ein hektisches und kopfloses, fast raffgieriges Verlangen nach vermeintlich ganz wichtigen Zielen entwickelt. Über die Medien erfahren wir, welche über-lebenswichtigen Dinge wie Geld, Auto, Haus, Kleidung, aber auch Schönheit, Fitness und Gesundheit wir unbedingt haben müssen. Auf der unbewussten Ebene werden dabei allerdings ganz andere Wünsche angesprochen. Zu einem wirklichen Zufriedenheitsgefühl gehört eine vernünftige Einschätzung der eigenen Möglichkeiten, der eigenen Wünsche und Ziele. Dies heraus zu finden, wird heutzutage allerdings immer schwieriger, weil unsere Wünsche und Ziele in unserer Konsumwelt von Anderen bestimmt werden, oft ohne dass wir es merken. Das Zugehörigkeitsgefühl beinhaltet das sichere Gefühl, wo in der jeweiligen sozialen Gemeinschaft der eigene Platz ist. Dafür muss man u. U. etwas tun, sich einbringen, Rücksicht nehmen und zuhören, vielleicht auch einmal verzichten und sich zurücknehmen. Hermann van Veen hat sein Gefühl Anderen gegenüber in einem Lied einmal so ausgedrückt: "Ich hab ein zärtliches Gefühl für jede Frau, für jeden Mann, für jeden Menschen, wenn er nur vollkommen wehrlos lieben kann". Er kann sich also mitfühlend in Andere hinein versetzen und registriert dabei genau, was er fühlt. (Dr. med. U. Feldtmann) Dr. med. U. Feldtmann ist Doktor für Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie in Lübeck |
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