PetriVisionen MENSCH

Gefühl   6. Oktober 2007, 23 Uhr

"Wann immer du in einem Kirchenraum das Wort ergreifst", sagte der Ausbilder zu der sprachlich und gedanklich klugen, in ihrer körperlichen und stimmlichen Präsenz jedoch noch etwas unsicheren jungen Predigerin, "Wenn du von deinem Versuch zu glauben erzählst, dann bist du nicht allein." Pädagogisch einfühlsam hatte er sie zunächst in allen guten Aspekten ihrer Andachtsworte bestärkt, sie dann gebeten, ihre Augen zu schließen, um sie - körpertherapeutisch geschult - an ihrem Standplatz auf der Kanzel leicht hin und her zu wiegen. So sollte sie ihren Bodenkontakt besser spüren lernen. Und als die junge Frau die Augen wieder aufschlug, sprach er zu ihr: "Wann immer du da stehst, ist stets ein Engel hinter dir." Und dann wandte er sich mit weisem Kopfnicken und sonorer Stimmführung an uns, die wir die Zeugen dieser Szene waren. "Das mit dem Engel: das ist kein Bild, das ist keine Metapher. Das ist wirklich so. Ihr könnt es fühlen." Ich habe diesen Workshop noch bis zum Ende durchgehalten. Aber innerlich habe ich mich just in jenem Moment für alle Zeiten abgemeldet.

"Bedenke nicht, gewähre, wie du's fühlst." Ein Diktum des jungen Goethe, das mir zu Schulzeiten das erste Mal begegnete und sich mir sofort ins Herz einbrannte. Es waren diese stürmisch-drängenden und romantischen Impulse unserer Geistesgeschichte, die mir und vielen meiner damals jungen Zeitgenossen halfen, den drohenden Forderungen einer rationalistischen Erwachsenenwelt noch eine Weile zu widerstehen. Leidenschaftlich widmete ich mich der Musik und dem Schauspiel, lernte Gedichte auswendig und schrieb selber welche. Es war wohl auch der Goethe-Impuls, der mich zum Studium der Religionsgelehrsamkeit brachte. In einem Spielraum primär emotional-seelischer Welten wollte ich meine geistigen Neigungen entfalten. Dass dies nicht ohne Haken war, habe ich erst viel später erfahren.

Die Diastase zwischen Verstand und Gefühl ist in unserem Sprach- und Kulturraum besonders ausgeprägt. In der Philosophie- und Theologiegeschichte wird dies im 18. Jahrhundert besonders deutlich. Während große Teile des akademischen Geistesbetriebs angestiftet waren von einer klaren analytischen Vernunft aus dem Impuls der Aufklärung heraus, erfand der Pietismus eine reflektierte Form der gefühlig-frommen Gemütsbespiegelung.

Später, an der Wende zum 19. Jahrhundert dann, gelang dem Religionsphilosophen Friedrich Schleiermacher eine Annäherung der Welten, ja beinahe eine Synthese. Von den scheinbar rationalen Objektivitäten der Dogmatik hatte er sich verabschiedet. Religionslehre, das war für ihn eine Gefühls- und Gemütswissenschaft, die Religion selbst "Anschauung des Universums", "Sinn und Geschmack für das Unendliche". Trotz dieser Weitung des Religionsbegriffs konnte Schleiermacher christlicher Theologe bleiben, denn in Christus erkannte er ein Individuum mit einem vollendet auf die Universalität bezogenen Gottesbewusstsein. Er war aber Rationalist genug, um Unsinnigkeiten wie Jungfrauengeburt, Auferstehung und Himmelfahrt in das Reich der Märchen und Sagen zu verbannen. Man bedenke: 19. Jahrhundert! Provozierend waren seine Thesen wohl, aber mindestens akademisch zustimmungsfähig. Heute, noch in der Kirche des 21. Jahrhunderts, kann man wegen des Anzweifelns überlieferter Glaubenssätze eine Menge Ärger kriegen.

Glauben-Müssen ist eine furchtbare Angelegenheit, noch schlimmer jedoch ist Fühlen-Sollen. Beides existiert als Druckmechanismus in Bekenntnis-Gemeinschaften. Es sind nicht nur die sentimentalen, in Mimik und Sprache stark standardisierten persönlichen Zeugnisse in evangelikalen Kreisen. In liberaleren kirchlichen Gemeinschaften sollen Retraites und Einkehrtage den verunsicherten Gläubigen mittels Ritualisierungen und Empfindungsübungen helfen, Nicht-mehr-Plausibles ins persönliche Glaubensgut zurück zu überführen. Wenn derlei Aktionen in gesellschaftlich weniger akzeptierten Kontexten geschehen, nennt man sie auch Gehirnwäsche.

Religion und Gefühl. Das gehört schon irgendwie zusammen. Ich persönlich kann Gott nicht fühlen. Ich kann sehr starke Empfindungen haben, emotionale Momente erleben, die mich über meine eigene kleine Welt hinausweisen. Und aufgrund der Geistestradition, in der ich aufgewachsen bin, kann ich manchmal dafür Dankbarkeit empfinden. Ich kann eine als günstig erlebte Koinzidenz als Werk des Heiligen Geistes titulieren, aber ich weiß, dass sich meine Reaktion auf ein solches Ereignis in eine Empfindung und eine bildhaft-sprachliche Deutung aufteilt. Und in der gleichen Weise kann ein biblischer Text mir helfen, eine Erlebnissituation meines Lebens zu reflektieren. Gott ist ein Sprachereignis der geweiteten und verdichteten Welterfahrung.

Hier stehe ich und rede von meinem Glauben und von meinem Gefühl. Da steht niemand hinter mir. Meine momentane Aura verdanke ich ganz profaner Beleuchtungstechnik. Wenn du dich in einen Kirchenraum stellst und über das sprichst, was du glaubst und denkst und empfindest, dann stehst du da allein. Und wenn du dabei ehrlich bist und dich dafür die Menschen hassen, dann wird kein Engel da sein, der dich stützt. Doch wenn du dies bedenkst und dennoch gewähren lässt, wie du es fühlst: dann bist du allein mit einer großen Wahrheit verbunden. Allein, aber nicht einsam.

(Pastor Dr. Bernd Schwarze)

Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck


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