PetriVisionen MENSCH

Gebrechen   3. November 2007, 23 Uhr

Der Nächste bitte…
Ein 92-Jähriger Ostpreusse besucht gebeugten Schrittes an 2 Gehstöcken erstmals den Arzt: Ich frage ihn wie er sich an diesem grauen Novembertag fühle?
" Ach, in meeinem Altarr is nich mehr so mit Jefiehl!…"
Wir kommen auf seine Gebrechen zu sprechen.

Was ist Gebrechen?
Laut Brockhaus: Ein organischer Fehler , der die geistigen und körperlichen Fähigkeiten dauernd beeinträchtigt.-
Und ich ergänze: ohne Hoffnung auf Besserung.

Während bei der Bevölkerungsexpansion weltweit die Gebrechen Hunger, Armut und Seuchen vorherrschen, gemahnt in unserem Wohlstandsland das Robert-Koch-Institut/Berlin als Datenwächter vor Altersgebrechen, die die schrumpfende Landesbevölkerung tragen muß.
Pflegeversicherung rauf oder runter, sie kann da nur abmildern, ebenso wie der Staat mit der engmaschigen Gesetzgebung.(BGB1, Pflegegesetzte2)

Von Natur aus sind wir nur mittelmäßige Könner : Vieles müssen wir mühsam erlernen wie das Lesen, Schreiben, Musizieren, Kulturtechniken erwerben.
Körperlich sind wir nackt, frieren leicht, müssen uns laufend an die Umgebung anpassen, bekleiden., sind mit Hilfsmitteln unterwegs, müssen den aufrechten Gang mit Tempo 6 km/h lernen, um rechtzeit die Ampeln im Leben zu toppen.-
Wir haben Hilfstechniken perfektioniert, fahren Auto mit dem 30-fachen Fußgängertempo, fliegen mit 200fachem Tempo in Urlaub, erfüllen uns damit Träume und stillen unser Fernweh…sehen in die Sterne.

Warum sind wir dann sooo gebrechlich? Weil wir Menschen sind und Naturgesetzen unterliegen: Die Muskulatur schrumpft untrainiert.
Die Abnahme der Knochensubstanz 1% jährlich führt zur Altersbrüchigkeit, die Zunahme von Bindegewebe und Fettablagerungen zur Schwerfälligkeit, die Alterung der Sinnesorgane /der Wahrnehmung zur Unfallneigung/zum Sturz.-
Wir verharren vor Schmerz, der uns deprimiert- und das mitunter schon jung. Das vormals plastische Gedächtnis kristallisiert, droht schließlich zu zerbröseln.- Wir vergessen uns zu nähren.- Wir vergehen.-

Darum plagen uns Ängste: Vor dem Verlust von Genussfähigkeit, von körperlicher Kontrolle, vor Verlust von körperlichen und geistigen Fähigkeiten, Ängst vor Schmerz, vor der Leere und vor Komunikationsmangl, vor dem Verlassensein, vor dem Ende.-
Eine energische Mitsiebziegerin berichtet vom Tod ihres Mannes. Sie hat ihn nach einem Schlaganfall mit Halbseitlähmung und Sprachverlust mit Ernährungs -und Drainagesonde über 3 Jahre aufopferungsvoll gepflegt. Ihre Liebe und unerschütterliche Hoffnung auf Besserung hat sie Pflegen, Organisieren und Autofahren gelehrt.- In der Trauer wird sie von ihren benachbarten Kinder und Enkeln gestützt, um sich ihnen wiederum zu widmen.-

Das macht Mut:
Mut eigene Ängste abzubauen, Hilfen und Hilfsmittel zu organisieren: Nachbarschaftliche, ehrenamtliche wie professionelle.-

Neben Pflegediensten und Hausärzten helfen ambulante Therapeuten und Kliniken.-
Hier möchte ich das geriatrische Zusatzangebot in Lübeck und Umgebung mit ambulanter , tagesklinischer und stationärer Therapie hervorheben.-
Die pflegeintensive Patientenbetreuung ist nach speziellem geriatrischen Assessment im Team aller Beteiligten (Ärzte, Schwestern, Therapeuten und einer hervorragenden Küche) für Patienten und Angehörige meist erfolgreich, um
- ein akutes Gebrechen zu lindern:
- Nach Trauma/ Sturz mit verleztungsfolgen- Schmerzzuständen,
- Neurologischen Leiden nach Akutversorgung
- Oder zur Besserung der zunehmenden Gebrechlichkeit.-
Ein mitunter zu hohes Ziel ist das selbstbestimmte Leben in der eigenen Wohnung.
Hier bleibt mitunter oft der als bitterer Abstieg erlittene Umzug ins Pflegeheim oder die Residenz.- Aber nicht überall gilt nur sauber , satt und sorglos, sondern auch Geselligkeit und Geistige Anregung sind zunehmend geboten.-

Das macht Mut , dem eigenen Gebrechen vorzubeugen:
Es ist immer der Dreiklang von
1. Körperlicher Fitness, Erhaltung der physischen Elastizität,
2. Geistiger Wendigkeit, erhalt der Neugier, Lernfähigkeit, Kommunikation
3. Die seelische und spirituelle Geborgenheit
Es ist aber vor allem die Hoffnung und die Menschenliebe, die sich nicht in jedem Temperament gleicht.

Der 92 Jähriger Ostpreusse verlässt den Arzt ohne medizinische Anliegen in Begleitung seines Enkel . "War nett, sie kennengelernt zuhaben, bis zum nächsten mal".

(Arzt Stefan Petersohn)


zurueckZurück zur Übersicht