PetriVisionen MENSCH |
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Gebrechen 3. November 2007, 23 Uhr Seit einiger Zeit sehe ich in der Stadt immer mehr Bekannte , die Schwierigkeiten mit dem Gehen haben. Sie humpeln etwas, sie gehen am Stock: ich denke: das kann eine Karriere werden: erst der Stock oder die nordic walking Stöcke und danach der Rollator. Nachdenklich geworden bin ich, seitdem ich selbst Schwierigkeiten im Fußgelenk habe. Manchmal sagt eine Bekannte: Ich habe Sie gesehen, wie Sie mit den Fahrrad durch die Stadt gesaust sind. Was sie nicht gesehen hat: das Fahrrad ist eine Kompensation für das mühsame Laufen durch die Stadt Zu Hause das Rad hochwuchten und durch die Haustür bringen, das dauert! Es gibt Hilfsangebote selbst von der anderen Straßenseite. Ich danke, lehne ab. Ich kann es ja, nur nicht mehr so schnell. Wenn mir im Chor ein Notenblatt auf den Boden fällt ,bücken sich blitzschnell zwei bis drei Leute, obwohl ich es selber aufheben kann, nur langsam. Das sind Kleinigkeiten, die ein bißchen an meinem Selbstbild kratzen. Andere sind schlimm dran, bettlägerig, gelähmt, fortschreitende Prozesse, und diese Menschen fragen: warum so? warum jetzt? warum ich? Damit treffen die anderen auch in mein Inneres; ich bemerke ihre Atemlosigkeit, spüre ihre Schmerzen. Ihre Verzwweiflung erreicht mich und erst recht ihre Fragen an den Seelsorger: Wo bleibt ein Trost, die Gerechtigkeit und meine Würde? Daß es auf Erden keine volle Gerechtigkeit gibt wissen wir ja aber wie steht es mit Gott? "Siehe um Trost ist mir sehr bange". Dieser Satz fällt mir meist zu erst ein. Er stammt von einem prominenten Israelit, dem König Hiskia. Der war durchaus fromm. Er orientierte sich an den Geboten und hing an den Gottesdiensten im Tempel. Aber nun mit seinem Geschwür ging nichts mehr.: keine Regierung, keine Gestaltung, auch nicht der Gang zum Tempel. "Siehe um Trost ist mir sehr bange". Bei einschneidenden Fragen nach Trost nützt es mir nichts zu denken: so direkt kann man nicht Trost spenden. Es stimmt zwar: da ist wohl erst ein gemeinsames Gespräch nötig, mit allen Widerständen, mit der Wut und mit meiner Ohnmacht gegenüber, mit der Angst der Kranken, mit all den fließenden Tränen, bis ihnen ein erstes "aber" in den Sinn kommt. "Siehe um Trost ist mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele angenommen, daß sie nicht verdürbe". Wie ist der König Hiskia aus der Trostlosigkeit heraus gekommen? Er hat alles aus seinem Inneren vor Gott ausgebreitet. Er hat mit Gott verhandelt. Bei uns ist das schlimme mit dem Trost, daß er leicht sich verdünnt, verbilligt, verallgemeinert. Es gibt einen fürchterlichen Satz aus den letzten 10 Jahren: "das wird schon wieder werden". Ein Pfleger, der mit dem Elend nicht fertig werden konnte, verschaffte sich mit dem Spruch bei einer Kranken etwas Luft Der Spruch wurde veröffentlicht. Ganze Leserbriefseiten hat die Wochenzeitschrift Die ZEIT dann gedruckt. "Nein , so wird das bei mir nicht wieder werden", schrieben die Leser - Dagegen ist es erstaunlich und anrührend, wie viele Angehörige von Schwerstkranken Besucher,und Begleiter, Ärztinnen und Pflegerinnnen der Trostlosigkeit standhalten. König Hiskia,dem nach Trost so bange war, hat es damals geschafft, indem er alles vor Gott ausgebreitet hat. Er hat richtig verhandelt: "Gott, wenn ich jetzt sterbe, das hat doch keinen Sinn!: die Toten loben dich nicht, und der Tod rühmt dich nicht,und die in die Grube fahren, warten nicht auf deine Treue; sondern allein, die da leben, loben dich, so wie ich. heute. "Hiskia wurde geheilt mit einem Feigenblatt, das der Profet Jesaja auf sein Geschwür legte. Sätze, von denen ich hoffe, daß sie helfen, möchte Ihnen noch nennen. Dietrich Bonhoeffer saß am Ende des III Reichs in der Todeszelle. Er strahlte dort vor seiner Hinrichtung eine große Haltung und Selbstbeherrschung aus. Damals schrieb er das Lied: "Von guten Mächten treu und still umgeben erwarten wir getrost,was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuenTag". Die guten Mächte um uns spüren, ihnen trauen. Daraus kann Trost kommen. Auch ganz gewiß an jedem neuen Tag? In der Langzeitpflege ist Aushalten angesagt. Jahre lang, viele Jahre lang die Treue durchtragen, hin und her gerisssen zwischen Treue und Wünschen nach dem eigenen Leben. Was ich mir da erhoffe, ist dann, daß eine Gruppe von Menschen sich bildet, die gemeinsam das Handeln plant, aber auch die Lasten bespricht und die Bereitschaft zum Handeln plant. "Siehe, um Trost war mir sehr bange." (Pastor Horst Webecke) |
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