PetriVisionen LEIDENSCHAFT

Seele   3. Februar 2007, 23 Uhr

º Kinderseelen

Einst zogen die menschlichen Seelen in grenzenloser Glückseligkeit und Geborgenheit mit ihrem geliebten Gott um das Firmament. Bei diesem Flug verlieren sie nach und nach ihr Gefieder und stürzen herab auf die Erde. Das nennen wir die menschliche Geburt.

Ohne ihren geliebten Gott wandeln die menschlichen Seelen auf der Erde - ständig auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Begegnen sie nun einem Menschen, der sie an den einst geliebten Gott erinnert, nennen wir das Liebe.

Wie wir alle wissen, ist dieses Gefühl grenzenloser Glückseligkeit und Liebe leider nicht von Dauer. Und so wandern wir weiter voller ungestillter Sehnsucht.

Nach Platon erscheint also bei der menschlichen Geburt die Seele auf der Erde, jedoch ohne ihr Gefieder, das ihr einst glückselige Einheit mit dem geliebten Gott ermöglicht hatte.

Diese Seele möchte nun auf Erden eine liebevolle, glückselige Beziehung eingehen. Muss sie nun warten, bis sie groß und selbständig ist, um sich auf die Suche danach machen zu können? Oder könnten Mutter, Vater und andere Erwachsene von Geburt an der kindlichen Seele zu ihrem Gefieder verhelfen?

Wenn die Erwachsenen das Göttliche in sich entdecken könnten, wären sie möglicherweise beglückende Gefiederhelfer oder - anders genannt - gute Entwicklungshelfer. Was müssten sie tun, um der kindlichen Seele beglückende Sicherheit und Geborgenheit in dieser Welt zu geben?

In solchen Situationen ist meine 9jährige Enkeltochter Anna immer eine große Hilfe. Ich rief sie an und fragte, was ihrer Meinung nach kindliche Seelen brauchen, um sich gut zu fühlen. Annas spontane Antwort war "Haustiere"! - "Warum?" - "Weil sie helfen und trösten können."

Mein zaghafter Hinweis, dass Eltern - und darüber hinaus so erfahrene und lernfähige Großmütter wie ich - doch vielleicht auch Wichtiges zum Glück kindlicher Seelen beitragen könnten, wie z. B. "Liebe? Respekt? Bewunderung?" wurden von Anna ohne große Begeisterung zur Kenntnis genommen - aber nicht wirklich anerkannt, bis sie plötzlich ganz entschieden sagte: "Interesse!"

Inter - esse bedeutet wörtlich "dazwischen sein", "dabei sein", "an etwas Anteil nehmen".

Können wir - die verantwortlichen Erwachsenen - den Kinderseelen ausreichend Interesse entgegen bringen?

Können wir Kinderseelen in ihrer Schönheit und ihrem inneren Reichtum wirklich ganz wahrnehmen und Anteil nehmen?

Können wir das Glück, die Liebe und die Freude an diesem wunderbaren Kind bei uns wahrnehmen und dem Kind widerspiegeln, damit seine Flügel wieder wachsen können?

Ich bin mir sicher, dass ich noch sehr viel lernen möchte, damit es mir heute und in Zukunft ein kleines Stückchen besser gelingt!

Warum fällt es so schwer? Wir leben in einer Gesellschaft, die geprägt ist von zahlreichen Traumatisierungen - wie z. B. den zwei Weltkriegen mit ihren schrecklichen Folgen. Viele Kinder sind geboren worden, die aus ganz unterschiedlichen Gründen in diesen Zeiten nicht unbedingt erwünscht waren. Und die erwünschten Kinder andererseits waren durch die Kriegswirren in vielfacher Weise bedroht, was bei ihren Eltern zu großer Angst führte. Angst und Unsicherheit der Erwachsenen führt am Ende immer zu Ohnmachtsgefühlen.

Hannah Arendt, die jüdische Philosophin, die sich differenziert mit dem National-Sozialismus und seiner vernichtenden Gewalt auseinander gesetzt hat, ist zu dem Schluss gekommen:

Gewalt beginnt dort, wo Macht endet.

Wie oft erleben wir Erwachsene, Eltern, Lehrer, Ärzte Gefühle von Ohnmacht und üben dann Gewalt gegenüber Schwächeren aus?! Wie oft werden Kinderseelen verletzt durch körperliche, seelische und sexuelle Gewalt in ihren Familien, dem Ort, an dem sie doch gerade besonders geschützt und geborgen sein sollten!

Das Gefühl, in schwierigen Situationen ohne Macht - also: ohne etwas machen zu können - ausgeliefert zu sein und dann erneut Gewalt anzuwenden, lässt sich ändern!! Wir können lernen, aus unserer Vollmacht heraus zu handeln, anstatt uns von Ohnmachts- und Allmachtsgefühlen beherrschen zu lassen.

Dabei müssen wir bei uns, den Erwachsenen, beginnen. Wir müssen lernen, das Wunderbare, das Göttliche zunächst in uns selbst zu entdecken, damit wir unsere Angst überwinden und uns und unsere eigenen Kinderseelen mit anderen Augen sehen können.

Unsere Eltern haben das nicht lernen können, weil ihnen niemand dabei geholfen hat. Sie haben mit der Brille der Angst immer nur ihre eigenen Defizite und unsere vermeintlichen Defizite sehen können.

Als Beispiel möchte ich die Schule nennen - auch hier wird immer noch mit roter Tinte angestrichen, was falsch ist. Wäre es nicht wunderbar, wenn wir gleichzeitig mit grüner Tinte anstreichen würden, was richtig ist, um ein ganzheitliches Bild von Kindern zu gewinnen?!

Ich möchte Ihnen Mut machen, all Ihre liebenswerten und starken Fähigkeiten und Eigenschaften in sich selbst zu entdecken, damit Sie der kleinen, verletzten Kinderseele, die noch heute in Ihnen lebt, eine liebevolle Mutter und ein liebevoller Vater sein können.

Erst dann wird es uns leicht fallen, den Seelen unserer Kinder Flügel wachsen zu lassen.

(E. M. Sochaczewsky)

Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (Erwachsene und Kinder)


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