PetriVisionen LEIDENSCHAFT |
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Seele 3. Februar 2007, 23 Uhr Dieses Murmeln, diese Geräusche: so etwas hatte ich noch nie zuvor erlebt. Es war in Bowling Green, Ohio, einem kleinen Universitätsstädtchen von dürftiger Bedeutung, "in the middle of nowhere", 1992. Jon Spencer, Professor für African American Studies, Religions- und Musikwissenschaften, hatte mich eingeladen. Jon, geschniegelt wie ein weißer Geschäftsmann, mit einer Haut: schwarz wie die Nacht. Und nun saß ich - und das einzig Schwarze an mir war mein Nachname - nun saß ich unter lauter Kolleginnen und Kollegen mit klangvollen Namen wie Alton B. Pollard III, gekleidet in Gewändern, die an afrikanische Prinzen erinnerten, in diesem Hörsaal auf einem Podium. Als einziger Weißer, und noch exotischer: als einziger Europäer in dieser überzeugt afro-amerikanischen Wissenschaftlerrunde. Und dann war ich dran mit meinem Vortrag über religiöse und religioide Erlebnisweisen beim Hören von Musik. Und als ich nach Absolvierung der üblichen rhetorischen Eingangs- und Blenderspielchen der Wissenschaftlerattitüde, dann sehr konkret wurde und sehr persönlich von einem lebensprägenden Erlebnis mit einem Popsong berichtete, da begann so ein nie gehörtes Grummeln rechts und links von mir. "Mmmh. Mmmh". Und irgendetwas ritt mich und ich legte noch nach, und ich erzählte von dem Zorn, der inneren Bewegung, der kathartischen Wirkung, die die Musik in mir ausgelöst hatte. "Mmmh. Mmmh", tönte es wieder neben mir. Dann "Yeah, yeah, man, you got it. Mmmh." Und hinterher, beim Mittagessen, da wurde mir mitgeteilt, dass ich gerade in eine Soul Community aufgenommen worden sei, und Alton B. Pollard III. weihte mich ein in die Geheimnisse eines ziemlich komplizierten Händeschüttelns, das mit einem knallenden Schnippgeräusch zwischen zwei Mittelfingern endet. Soul ist nicht nur eine leidenschaftlich-wilde, erotisch-religiöse Musikform zwischen Aretha Franklin und James Brown. Soul ist ein ganzes seelenvolles, auf emotionale Echtheit zielendes Kulturkonzept der schwarzen Gemeinde Nordamerikas. Ein Glücksmoment, wenn unsereins für Minuten daran teilhaben darf. Dennoch: don't try this at home. Das neidvolle Schielen auf die angeblich so anders intensiven religiös-kulturellen Erlebnisweisen anderer, führt hierzulande zwischen Kirchentagen und Jugendgottesdiensten meist zu eher peinlichen Auswüchsen schlecht inszenierter Authentizitätsheuchelei. Doch eine Frage an das eigene angesichts des anderen sollte gestattet sein: Wohin ist in unserer Religionskultur die Seele mit ihrer Leidenschaft gewandert? Denn vermisst wird sie allerorten. Wo ist das hin, was Gott dem Mythos nach als feuchten Atem dem Adam in die Nase blies? Nicht das Edle meine ich, nicht das geistig Große, das den Menschen nach Gott fragen und ihn vielleicht erkennen lässt, sondern dieses lebendig zwischen dem Körperlich-Materiellen und dem reinen, nach objektiver Wahrheit strebenden Geiste Intermittierende, diese mit aller Ambivalenz von Lust und Leid behaftete Lebenskraft. Die Seele als das wesentlich Menschliche. In der Geschichte des abendländischen Denkens kommt sie zu ihrer wahren Größe da, wo sie zum Merkmal der individuellen, mit Subjektivität ausgestatteten, Besonderheit des Menschen in seiner Konkretion wird. Den Geist mag man als den einen titulieren, Seelen jedoch sind individuell und je grundverschieden. In der Geschichte der Theologie mit ihrem Bestreben nach allgemeingültigen und systemdienlichen Aussagen, ist die Seele zugunsten des Geistes irgendwie verloren gegangen. Das 18. und das 19. Jahrhundert haben zwar im Aufklärungsdenken die menschliche Seite des Glaubenslebens wieder sichtbar gemacht, aber die sinnlich-seelischen und leidenschaftlichen Seiten des Lebens blieben unterbelichtet. Sie fanden Unterschlupf im parallel sich entwickelnden Pietismus, der aber wiederum mit der Vernunft seine liebe Not hatte. Am Ende der Geschichte geht das individuelle Denken mit dem nüchternen Geiste und das individuelle Fühlen und seelische Erleben mit der religiösen Dummheit Hand in Hand. Eine intellektuelle Welt, die aufgehört hat, nach Gott zu fragen und eine gelenkte Seelenwelt, die frommen Schwachsinn nachplappert. Dabei ist es doch eigentlich meistens die Seele, die bemerkt, wenn etwas nicht stimmt. Nur mit Hirn- und Gemütswäsche lässt sich eine unvernünftige, systemisch verordnete Theologie so in Menschenseelen hineinzwingen, dass sie wider alle Vernunft das Dumme und Falsche mit Leidenschaft feiern. In Freiheit können Menschen nur das glauben, was der eigenen Vernunft und der eigenen Seele gleichermaßen einleuchten kann. Ein beseelter Glaube kann nur ein individueller Glaube sein, der gemeinschaftliche Momente nicht ausschließt, sich aber nicht aus dem Konsens ableiten lässt. Noch der häretischste Gedanke aus dem Munde eines leidenschaftlichen Gottsuchers, ja selbst noch ein lustvoll erzählter blasphemischer Witz enthält mehr religiöse Wahrhaftigkeit als ein kirchenleitendes Hirtenwort oder eine synodale Konvergenzerklärung. Im Lukasevangelium singt die schwangere Maria: "Meine Seele erhebt den Herrn". Wenn der Glaube leben soll, dann sind unsere Seelen gefragt. Gott wird zum Gott durch unsere Leidenschaft. (Pastor Dr. Bernd Schwarze) Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck |
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