PetriVisionen LEIDENSCHAFT

Idee   3. März 2007, 23 Uhr

Guten Abend, meine Damen und Herren, ich möchte meine Gedanken zum Thema Idee und Kreativität mit einem Zitat von dem Hamburger Industriellen Kurt A. Körber beginnen:
Unser Maß ist nicht das heute Mögliche. Unser Maß ist die Idee des künftig Erreichbaren.
Nicht aus Gründen des Inhaltes, sondern aus Gründen der Wortwahl:
Hier wird "Idee" in der wohl ursprünglichen, altgriechischen Bedeutung der "Vorstellung" benutzt, wie es die Engländer auch heute noch tun, wenn Sie auf die Frage "What's going on tonight?" antworten:"I have no idea."

Doch die überwiegende Nutzung des Wortes gilt wohl der Bedeutung: "Einfall, neuer Gedanke, Geistesblitz", hin und wieder auch als Spur oder sehr kleine Menge: " Eine Idee mehr Salz bitte noch."
Dann gab es in der Geschichte der Philosophie noch die Idee als metaphysischen Wesensgrund, aber davon verstehe ich nichts.

Ich habe lange in der Kommunikationsbranche, sprich Werbung, von Ideen gelebt. In gewissem Sinne tue ich das immer noch, aber nicht so an der "Verkaufsfront". Ich durfte sie produzieren, ich durfte Teams ermutigen, sie zu haben, die Ideen. Oder sprechen wir lieber vom kreativen Prozess.

Wie entstehen sie nun eigentlich, die Ideen? Ich glaube, der kreative Prozess läuft im Prinzip überall gleich, ob in der Kunst, der Wissenschaft, dem Ingenieurswesen oder der Wirtschaft. Ich glaube an das Phasenmodell:

VORPHASEN

a) INFORMATIONS - und b)INKUBATIONS-PHASE
Am Anfang ist ein Problem oder ein starker Anreiz, und Sie saugen alles in sich auf - die Information. Dies ist oft ein unglaublich langwieriger und mühsamer Prozess. Schon während dessen kommt die Information in den inneren Brutschrank. Was da passiert, weiß ich nicht - aber man hat das Gefühl, es arbeitet dort ständig, auch wenn es gerade nicht im Bewusstsein ist, so ist es doch kurz davor. Ich stelle mir vor, Dinge, Worte, Bilder werden in bekannte Einheiten bzw. Elemente zerlegt und wieder zu neuen, unbekannten Konstrukten zusammengesetzt.

HAUPTPHASE
1) ILLUMINATIONSPHASE:
DER TRÄUMER.


Irgendwann kommt dann aus dem inneren Brutschrank die Erleuchtung, der Geistesblitz, oder es dämmert Ihnen was - eine Idee wird geboren. Frau Rowling hatte die Idee für Harry Potter 1990 bei einer Zugfahrt von London nach Manchester (sagt sie). Das Thema beschäftigte sie sie seit ihrer Kindheit.

2) DIE REALISATIONSPHASE:
DER REALIST
beschäftigt sich nur mit der Machbarkeit der Idee. Was ist erforderlich, um diese Idee in die Tat umzusetzen?

3) DIE BEURTEILUNGSPHASE:
DER KRITIKER.

Er tut, was wir alle am besten kennen: Die Idee beurteilen, die Idee vergleichen, die Idee dahingehend abzuschätzen, dass sie ein Erfolg wird, dass sie Geld einbringt oder Ruhm, natürlich am besten beides. Bei der Arbeit des Kritikers - mit oder ohne Kollaboration des Realisten - gibt es zwei Probleme: Der Kritiker hat absolut keine Ahnung von der Zukunft - schauen Sie sich einmal an, in welchem Maße alle bedeutenden Erfindungen und Werke von den jeweils Zeitgenössischen Meinungsführern heruntergemacht wurden. Der Verleger, der schließlich bereit war, Harry Potter zu drucken, sagte noch zu Frau Rowling: Gehen Sie als Lehrerin an eine Schule. Von Kinderbüchern kann man nicht leben. Heute ist sie reicher als die englische Königin - knapp eine Milliarde € schwer. Der Marlboro-Cowboy hat als Idee seit seiner Erfindung 1954 eine Unmenge an Geld eingebracht und machte die Unbekannte Marlboro zur größten Zigarettenmarke der Welt. Marktforscher haben Phillip Morris dringend davor gewarnt, die Figur in der Werbung zu benutzen.

Das andere, noch schwerer wiegende Problem ist, dass der Kritiker schon in uns selbst sitzt und den Träumer nicht in Ruhe arbeiten lässt. Kaum ist eine Idee da, prasseln die Urteile auf sie herab.
Nicht, dass der Kritiker nicht nötig wäre, aber weder er noch der Realist dürfen den Träumer bei seiner Arbeit stören - gegenseitiger Respekt ist nötig.
Jeder Mensch ist von Geburt kreativ, die Frage ist, wann er diese Kreativität in unserem Kulturkreis verliert und wodurch. Ich meine, was die Eltern nicht schaffen, das vollendet dann die Schule mit ihrem ungehemmten Bewertungsirrsinn.
Seien sie trotzig, meine Damen und Herren, kämpfen Sie für den Freiraum des Träumers und schützen Sie seine - Ihre Ideen.

(Thomas Linde)



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