PetriVisionen LEIDENSCHAFT

Idee   3. März 2007, 23 Uhr

Und nun stell dir vor, nur für einen Moment löst sich die Fessel von deinem Sitz in Platons kommunalem Kino von Athen. Und was dir bislang unmöglich war, gelingt dir nun. Du wendest den Kopf in der riskanten Erwartung, das Wesen aller Dinge einmal ganz unmittelbar zu schauen. Wird der Blick ins Urfeuer dir die Netzhaut verbrennen? Entgeistert wirst du gewahr: da ist nichts besonderes hinter dir. Da ist kein Licht, das dir die vermeintlichen Schatten, die du Welt nanntest, projizierte. Und selbst die Stimme hinter dir muss deine eigene innere gewesen sein. Und all die Bedeutungen, die du den Dingen gabst, bevor du dies erkanntest, die Einschreibungen und Namen und Begriffe, die du nur auf Oberflächen mit Leuchtschrift zu malen vermochtest, obgleich du sie in der Tiefe oder noch jenseits davon vermutetest. Sie müssen der Lichtkraft deines eigenen Geistes entsprungen sein.

Sobald ich die Augen öffne, sehe ich Welt. Gewiss habe ich innere Vorstellungen, wenn ich Welt sage. Und schon vor mir haben Abermillionen Menschen "Welt" gesagt. Ich habe den Begriff, und wofür er steht, nicht erfunden. Ich misstraue aber dem Begriff, weil er mich so schnell voreingenommen macht, so viel voraussetzt. Er soll mir nicht mehr als eine Hilfe sein. Ich sehe Baum, ich sehe Blume, ich sehe Mensch, ich sehe Haus. Und trotz aller Sympathie für konstruktivistisches Denken gehe ich ganz naiv davon aus, dass all dies auch existiert. So konkret, so individuell wie ich es vernehme. Ich gestehe ein, dass ich ein inneres Muster von Ideal und Wirklichkeit nicht leugnen kann. Auf dem Lübecker Marktplatz stehend, den Blick auf Peeck & Cloppenburg gerichtet, denke ich Begriffe wie "Stadtmitte" oder einfach nur "Haus", und dann verspüre ich zwischen Gedachtem und Erlebtem eine schmerzhafte Diskrepanz. Aber die Architektur des Schmerzes allein rechtfertigt noch keine Metaphysik.

Am Anfang war das Wort, am Anfang war die Tat, am Anfang war die Wirtschaft, am Anfang war Gott. Ideen und Initialgedanken, Jenseitspostulate und Ordnungsversuche sind zunächst etwas Vernünftiges. Sie geben dem Leben Richtung und Schliff. Aber aufgrund einer inneren Tragik werden sie ganz schnell zu Vorboten des Todes, weil sie nämlich schon bald nach ihrem kreativen Impuls glauben machen wollen, dass das Leben, und wie sie es deuten, wirklich so ist, so sein soll oder muss. Die Ideenwerke totalitärer politischer Systeme oder religiöser Fundamentalismen bilden nur die Spitze des Eisbergs. Schon in dem Moment, in dem Menschen beginnen zu glauben, dass ein Wert, eine Haltung, ein Gedanke selbstverständlich sei, schon da wächst die Bereitschaft heran, für das geglaubt Selbstverständliche zum Mörder zu werden.

Die Welt hat keinen ihr vorgegebenen, ihr eingeschriebenen oder von außen verfügten Sinn. Jede Deutung, jede Ideenfindung ist menschlich verantwortete Sinnzuschreibung, und es ist hilfreich, sich das immer wieder bewusst zu machen. Religiös motiviertes Pochen auf angebliche Offenbarungstatsachen ist nichts anderes als das Bedienen einer Ideologie, die den Wunsch einer Unterscheidung von Gut und Böse in ein behauptetes Außen verlagert und jeden begründeten Widerspruch als Sünde abqualifiziert. Und es führt meistens nur dazu, dass die Dümmeren glauben, im Recht zu sein.

Das Reich der reinen Ideen ist eher eine Hölle denn ein himmlisches Terrain. Ideologien von Reinheit und Sauberkeit waren stets die schlimmsten in der Geschichte von Religion und Politik. Der biblische Gedanke "von der Erde bist du genommen und zu Erde sollst du wieder werden" (Gen. 3,19) mahnt uns zu begreifen, dass das Menschsein einer gewissen Schmuddeligkeit bedarf. Wenn ich mir etwa die aktuellen Debatten zum Nichtraucherschutz vergegenwärtige, dann habe ich zwar Verständnis für die artikulierte Sorge um die Volksgesundheit. Ich bin aber auch entsetzt darüber, mit welchem fanatischen Eifer hier Lebensdeutungsmuster generiert und für letztgültig wahr erklärt werden. So als bräche das sofort das Reich Gottes an, sobald der letzte Zigarettenstummel verglommen sei. Oder bedenken wir die zurzeit diskutierten Versuche einer Bereinigung religiöser Zeugnisse im Medium der Sprache. Man tut der Herausforderung des Lebens und der Schwierigkeit es zu deuten keinen Gefallen, indem man das Fremde und Problematisch-Anstößige eines ideologischen Systems abwischt oder glättet und anschmiegsam-sympathisch umformuliert.

Ich wünschte mir, wir hätten mehr Leidenschaft für das Leben selbst und was es uns zu erzählen hat. Mehr Leidenschaft dafür als für die Ideen, was angeblich dahinter steht oder was es im großen Ganzen alles zu bedeuten habe. Ideen als große Systeme, als Leitwerke des Sinns und eines postulierten Seinsgrundes im Verborgenen sind eher ein Fluch denn ein Segen. Ideen als kleine Impulse aber, als Impulse zu einem ganz weltverbundenen, vielleicht auch flüchtigen Wahren, Guten und Schönen sind ein Lebenselixier. Man möge mir nicht vorhalten, es sei eines Theologen in einer Kirche nicht würdig, so zu reden. Denn viele Geschichten des Alten und des Neuen Testamentes erzählen das Leben so. So schlicht, so reich an spontaner Wahrhaftigkeit. Wir haben mit dem ganzen Wust an Ideologie in unseren Köpfen nur verlernt, sie so zu lesen. Da leuchtet keine Lampe hinter euch und gaukelt euch ein Dasein im Reich der Schatten vor. Nein. "Ihr seid das Licht der Welt." (Mt. 5, 14)

(Pastor Dr. Bernd Schwarze)

Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck


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