PetriVisionen GRENZEN |
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Zeit 04. Juli 2009, 23 Uhr "Hast du", so fragte er ihn einst, "hast du auch vom Flusse jenes Geheime gelernt: dass es keine Zeit gibt?" - "Ja, Siddhartha", sprach der Fährmann. "Es ist doch dieses, was du meinst: dass der Fluss überall zugleich ist, am Ursprung und an der Mündung, am Wasserfall, an der Stromschnelle, im Meer, überall zugleich, und dass es für ihn nur Gegenwart gibt, nicht den Schatten Vergangenheit, nicht den Schatten Zukunft?" Ach, was haben wir damals Herrmann Hesse geliebt! Und in Ermangelung eines echten Indiens in unserem Leben sind wir nach Norwegen gefahren. Haben dort die reine Luft der Wälder mit dem altersschwachen VW-Bus verpestet. Haben süßlich parfümierten Tee gebrüht auf einem Hockerkocher, alle Büsche vollgekackt und das als so natürlich empfunden. Am Gebirgsbächlein gesessen und auf verstimmten Gitarren herumgezupft. Die wirklich Wagemutigen, die waren gar nach Poona geflogen, um die Seelen zu reinigen in religiös verbrämten Vögeleien - und zur Huldigung eines Lügners und Verführers, den sie verehrten wie einen Gott. Wie gut, dass "Zeit" nicht existierte. Wir hätten unverzeihlich viel von ihr vertan. Jede Kultur hat die Metaphysik, die sie verdient. Wir sind trotz aller Lust an der romantischen Exploration und Exploitation ferner und vermeintlich wahrerer Geisteswelten, in unseren religiösen Breiten nicht wirklich anders oder besser dran. Des Evangelisten Johannes anschwellender Anfangsgesang, in dem alles, worum es wirklich geht, schon vor allem Beginnen war und noch sein wird jenseits aller Zeit. Und in Psalm 90 wird Gott besungen: "Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine einzige Nachtwache." Und bald allerdings folgt ein weiser Satz: "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden." Was nützt es der Eintagsfliege, das Sein auf morgen zu verschieben? Zeit ist der Grenzwert allen Lebens. Und in dieser Einsicht mag die Ursache aller Größen- und Ewigkeiten-Phantasien liegen. Denn all dies kann ja noch nicht alles sein. Es muss doch mehr als alles geben. Dies ist auch die Würde und Tragik aller so genannten Gottesbeweise. Wie begrenzt, wie fatal und beinahe banal die Lebenszeit auch gewertet werden kann, das thematisiert die Religion oft nur in eher marginalen Schriften. Die Weisheit des Kohelet in der Hebräischen Bibel: "Alles hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit …" Allein die sich noch schier unendlich fortsetzende Wiederkehr in dieser Litanei des Lebens erweckt den Eindruck: dauerhaft und überdauernd sei die Frage nach der Fraglichkeit allein. Kohelet ist ja auch der Philosoph, von dem wir wissen, dass er alles, wirklich alles, nichtig, flüchtig und eitel fand. Ein Haschen, ein Haschen nach Wind. Was wissen wir Gesichertes vom Leben? Dass es kurz ist, ohne Frage. Und ein Danach ist mehr als ungewiss. Wer schon einmal ein Kind oder einen Menschen in der Blüte seiner jungen Jahre hat zu Grabe tragen müssen, für den ist "kurz" allein als Wort nicht kurz genug. Dass wir einmal waren, das nehmen wir an. Dass wir gerade sind, halten die meisten von uns für sehr wahrscheinlich. Einigermaßen sicher jedoch ist eines: wir werden nicht mehr sein. Und in meinem verklärten inneren Indien sprach Siddhartha zu mir: "Ich sah mein Leben an, und es war auch ein Fluss, und es war der Knabe Siddhartha vom Manne Siddhartha und vom Greis Siddhartha nur durch Schatten getrennt, nicht durch Wirkliches. Es waren auch Siddharthas frühere Geburten keine Vergangenheit, und sein Tod und seine Rückkehr zu Brahma keine Zukunft. Nichts war, nichts wird sein; alles ist, alles hat Wesen und Gegenwart." Das ist so ein Gedanke, der für mich wiedergelesen immer noch so ein bisschen nach Patchouli duftet und nach Bananenchips aus dem Bioladen schmeckt. Aber ich kann ihn nicht ganz von der Hand weisen. Dies soll kein Plädoyer für Geschichtsvergessenheit sein und auch keine Absage an Hoffnungen und Zukunftsvisionen. Aber wenn von einer wahrscheinlich phantasierten höheren Warte aus tausend Jahre so sind wie ein Tag. Dann sollten wir die Schlaflosigkeit nicht als Krankheit bekämpfen, sondern als Tugend bewahren. Seid nüchtern und wacht, denn bald ist alles vergangen. Seien wir Nachtwächter des Lebens um der Gegenwart willen. Gibt es Gott, gibt es Zeit, gibt es Ewigkeit? Ist es so wichtig, was es gibt? Zählt nicht mehr, was zählt? Heben wir unsere Augen auf zu den Wölbungen des Himmels. Da sehen wir es leuchten, was auch in unseren Herzen lebt. Das "Jetzt" ist das einzige, das wirklich zählt. (Pastor Dr. Bernd Schwarze) Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck |
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