PetriVisionen GRENZEN

Wut   06. Juni 2009, 23 Uhr

"Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Ein Schrei brach das Schweigen auf dem Hügel Golgatha. Die Behauptung eines Sinnes, zur Sinnlosigkeit zerschlagen. Aus Vollmacht wurde Ohnmacht. Der Glaube ist keine Antwort mehr. Alles, was bleibt, ist eine Frage an einen nicht mehr vorhandenen Adressaten. Eine Frage an des Lebens Grenze. Eine Frage voller Wut.

So wird es erzählt beim Evangelisten Markus, so roh, so nackt und bloß. Ohne Beschönigungen und ohne Trost. Und selbst die dann folgende Geschichte von der Auferstehung ist in der ältesten Markus-Fassung mehr ein Szenario des Schreckens, als ein Happy End zur ganzen Story. Alle späteren Varianten - wie poetisch und bedeutsam man sie auch immer finden mag - sie sind dagegen glatt geschliffen, der Härte und Schärfe beraubt, kirchlich warmgekuschelt. Die Religion hat es schwer mit manchen negativen Emotionen. Trauer: ja. Depression wird gern genommen. Wut aber geht gar nicht. Ist irgendwie verboten. Und wahrscheinlich gerade darum ist die Religion so voll von unterschwelliger Wut.

Mein Gott! Eine unauslöschliche Erinnerung aus meiner eigenen Grundschulzeit. Eine ganze Stunde lang musste ich gesenkten Hauptes, Gesicht zur Wand, in einer Ecke stehen. Nicht nur, dass ich zornig, dass ich laut geworden war, war das Problem. Sondern dass ich dabei "mein Gott!" gebrüllt hatte. Nachdenken sollte ich, ob ich als einer, der in dieser Weise den Namen des Allerheiligsten missbraucht und beschmutzt, ob ich es denn verdient hätte, dermaleinst den Himmel zu erreichen.

Probieren Sie es aus, falls Sie einer kirchlichen Gemeinschaft angehören. Gehen Sie da mal hin, wenn Ihnen gerade was nicht passt und fahren Sie aus der Haut und hauen Sie auf den Tisch. Keine Angst. Höchstwahrscheinlich wird nicht einmal zurück geschrien. Nein, man wird sich eher um Sie Sorgen machen. Und Ihnen in aller Ruhe sagen, dass Christen eigentlich anders reden und liebevoller miteinander umgehen sollten. Machen Sie's wie ich. Kaufen Sie sich einen Sandsack und ein paar Übungsboxhandschuhe. Nicht nur beten kann man besser, wie es heißt, im stillen Kämmerlein. Auch Wüten und Fluchen. Man wird einfach ausgeglichener dadurch und bleibt trotz Wutabfuhr ein geschätztes Mitglied der Gemeinde. Ob es auf Dauer wirklich hilft?

Die missliebigen Emotionen, sie schwelen innerhalb der religiösen Kommunikation. Die Vermeidung jeder offenen Äußerung von Zorn schon im irdisch-menschlichen Miteinander, dann aber auch besonders in Hinsicht auf den metaphysischen Überbau. Solche Vermeidung begünstigt passiv-aggressive Verhaltensweisen. Und oft noch Schlimmeres als das. Denn wenn ich glauben muss, dass Gott die Liebe ist und dass er auch seiner Gemeinschaft das Leben in der Liebe verheißen hat... Wenn dann aber alles nicht funktioniert, dann bin doch wohl ich daran schuld. Ich, der Sünder. Autoaggression, Selbstverletzung und die Neigung zur Selbstzerstörung sind nicht selten die Folge. "Den alten Adam ersäufen.""

Religion, das muss doch Liebe sein. Ach, diese wunderbaren ökumenischen Konvergenz-Erklärungen. Diese tutig-tantige Grundhaltung im interreligiösen Dialog. "Sind wir nicht letztlich alle die geliebten Kinder des einen guten Gottes?" Nein, sind wir nicht. Das einzige, worauf wir uns verständigen könnten, wäre, dass die einen keinen Deut besser sind als die anderen. Ach, und diese herrlichen Unterscheidungen zwischen der guten Offenbarung und den irregeleiteten Radikalen, die sie zweckentfremden und missinterpretieren. Sehr zweifelhaft. Die Probleme sind systemimmanent, sie waren von Anfang an da. Offenbarungen, die den Frieden und die Seligkeit verheißen, und die den Krieg und die Verzweiflung gleich mit bescheren. Die die negativen Erfahrungen übertünchen, überdecken und verlagern und den Menschen allein lassen in seiner Zerrissenheit.

Wir täten gut daran, dem Frieden nicht zu trauen. Wir täten gut daran, die Wut zu kultivieren, damit wir sie beherrschen lernen und nicht sie uns einst beherrscht. Die offenen Fragen offen halten, auf die es keine befriedigende Antwort gibt. Dieses "mein Gott, warum hast du mich verlassen!", das ist doch keine Marginalie in unserer Heiligen Schrift, kein vorübergehender schwacher Moment im großen "Alles-wird-gut". Es ist die Mitte, die Zumutung, die Herausforderung aller Sehnsucht nach Glaube und Sinn.

Wir sollten uns keine grinsenden Heiligen zu Lehrmeistern erwählen. Die immer schon Erlösten, die stillen unseren Hunger nicht. Ich habe keine Ahnung, wie groß der Sandsack ist, im Fitnessraum des Dalai Lama.

"Eli lama asabthani". Es sind die Ohnmächtigen und die Enttäuschten, die Zweifler und die Fragenden. Es sind die, die auf der Grenze wüten, die weisen uns den Weg zur Wahrheit und zu Gott.

(Pastor Dr. Bernd Schwarze)

Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck


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