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Wut 06. Juni 2009, 23 Uhr Wut und Individuum Zu den menschlichen Anfängen, zu den Kleinsten, zu den Sprachlosen und Hilflosen, den Hungrigen und den Ungesteuerten, den Säuglingen, möchte ich Sie zuerst führen. Was kann ein kleines Wesen tun, wenn es versucht, sich verständlich zu machen? Schreien, lange Schreien, das manchmal nicht gehört, oder manchmal nicht beachtet wird in der Hoffnung, dass es von selbst still werde. - Aber der Hunger treibt es, das Schreien steigert sich, der ganze Körper ist Teil der Erregung. Es wird blass und dann blau, der Puls wird schneller, das Herz rast, es zittert an allen Gliedern, ein Stimmritzenkrampf kann einsetzen, und es wird blau. Jetzt fällt die Beruhigung schwer, die die Mutter versucht, und die Hilflosigkeit des Kindes geht auf die Erwachsenen über angesichts dieses Wutanfalls. Solche verständliche und natürliche Situation, dieser Uraffekt, die Urwut, kann den Ansatz zu vielen späteren Machtkämpfen bieten, aber auch die Chance zu einer selbstbewussten Entwicklung. Ärger (aegritudo) gehört zum täglichen Leben und sollte sich nur nicht festsetzen im Menschen. Zorn (ira), wenn nicht Jähzorn, mag ein berechtigter und gerechter, ja sogar distanzierter Affekt sein, auch ein notwendiger wie der Zorn Gottes über menschliches Tun. Wo fängt die Wut (furor) an? Die Wut des Erwachsenen, eine impulsive, aggressive und unorganisierte Reaktion, manchmal aus scheinbar unbedeutendem Anlass mit zerstörerischen Folgen. Sie gilt als Schwäche, früher als eine der sieben Todsünden. Sie kann vielleicht als Antwort auf Unerhörtes hingenommen werden, wird aber im Wiederholungsfalle bei leicht explosiblen Personen "stumpf." - Unterdrückte Wut dagegen macht krank, der Blutdruck steigt, das Herz verliert seine Regelmäßigkeit. Abhilfe ist nötig. Depressionen, Ängste, Verzweiflung und Selbsttötung und auch Wut haben in den meisten Fällen ihren Grund in der engsten persönlichen Bezugswelt der Menschen. Um Wut Ihnen anschaulich werden zu lassen, möchte ich Ihnen ein verfremdetes, aber wahres Beispiel als Vignette darstellen bei einem Mann, der wie ein Kind immer mehr Handlungsfähigkeit eingebüßt und eine Regression mit Verlust seiner moralischen Werte erlebt hatte. Der zum Zeitpunkt des Geschehens 43-jährige übergewichtige Bauunternehmer aus Eiderstedt, Hans B., litt nach einer zunächst unbeschwerten Kindheit auf dem Lande als Schüler unter einem ungeliebten Stiefvater, von dem er vor seiner Mutter, die ihm nicht beistand, sadistisch gequält und "versklavt" wurde. Nach einer kaufmännischen Lehre wurde er selbständiger Bauunternehmer, heiratete und hatte zwei Töchter und einen Sohn. Seine vielen Abwesenheiten, auch auf weit entfernten Baustellen waren mit Vernachlässigung seiner Familie verbunden. Unerwartet ließ seine Frau sich scheiden, und er konnte das luxuriöse Haus der Familie nicht halten. Vielleicht hatte sie geahnt, dass er seit langem in einer entfernten Stadt eine Geliebte hatte, eine geschiedene Frau mit zwei Kindern. Nach seiner Scheidung fühlte er sich frei, und es ergab sich eine aufregende Bekanntschaft mit einer 5 Jahre älteren Frau, Katja, die das große sexuelle Abenteuer versprach und die Verführung und Täuschung gutgläubiger Männer bis zur Perfektion beherrschte. Sie beherrschte ihre Klaviatur so gut, dass sie Hans B. nicht nur dazu brachte, zuzulassen, dass sie ihn "umstylte" vom legeren Mann zum modischen Gecken mit Hut, dass sie den Hochzeitstermin festlegte und das Fest mit vierspänniger Kutsche und unzähligen Gästen- auf seine Kosten stattfand, sondern dass er sie auch in ihrer anspruchsvollen Wohnung finanzierte. Dass er durch hohe Zahlungen für ein von ihr gekauftes Haus in den Schweizer Alpen sein eigenes Geschäft und seine gute Beziehung zu seinen Kindern riskierte, war ihm in diesem Zustand "abgöttischer Liebe" nicht wichtig. Es kam zu einer Wiederholungssituation wie bei seinem Stiefvater, "gequält werden und doch lieben," so dass er schließlich, als er kein Geld mehr besorgen konnte, sogar ihrer bis in die Einzelheiten ausgearbeiteten Forderung nachkam, einen Bankraub zu begehen, wofür sie Maske und Schreckschusspistole schon bereithielt. Als er knappe 2000 Euro erbeutet hatte, fragte sie ihn nur, wie viele Banken er denn noch zu berauben gedenke. Als Katja schließlich angetrunken in unflätiger Sprache äußerte, dass ihr nach jedem Sex mit ihm übel würde, so etwas habe sie bei anderen Männern nie erlebt, erkannte er, dass er für sie nur wegen seines Geldes interessant gewesen war. Er spürte, dass er sich nicht mehr beherrschen konnte und wollte nur, dass sie ruhig sei. Sie rief: ""Du verbietest mir nicht den Mund!" Da habe er ihr in unglaublicher Wut ein Tuch in den Mund gestopft und sie auf diese Weise still gemacht. Nach einiger Zeit sei sie ganz ruhig gewesen. Er habe sie zugedeckt und die Decke glatt gezogen und sei nach Hause gefahren. Für diesen Totschlag wurde der nicht Vorbestrafte zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Wut kann also die Grenzen alles Normalen überschreiten, kann den Menschen in einen Ausnahmezustand treiben, in dem durch unerträgliche Kränkung ein unbeherrschbarer und später nicht mehr nachvollziehbarer Affekt ausgelöst wird, in dem der Betreffende sich nicht mehr wieder erkennt in seiner blinden Wut - vielleicht aber auch eine Chance für eine spätere Therapie! - Übrigens findet sich Wut als Fachterminus weder in psychiatrischen noch in psychopathologischen Lehrtexten, man spricht eher von psychogenem Erregungszustand, aber auch von Affektdurchbruch und Affektexplosion. Aber in Beschreibungen von psychotherapeutischen Behandlungen, bei Sigmund Freud und vielen anderen so bei Christa Rhode Dachser, bei Otto Kernberg und Verena Kast ist die Wut präsent, vor allem die narzisstische Wut bei Borderline-Kranken, von schweren früheren Kränkungen herrührend. Aber auch in der philosophischen und belletristischen Literatur seit der Antike in Senecas "de ira" bis zum aktuellen Film "Wut" von Züli Aladag ist Wut präsent. -- Meine Frage an Sie alle: Kennen wir auch an uns die Wut, die uns an unsere Grenzen führte oder darüber hinaus, und die uns vielleicht auch schon hat innere Freiheit oder aber Unfreiheit erleben lassen?! (Horst Dilling)
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