PetriVisionen GRENZEN

Wut   06. Juni 2009, 23 Uhr

Das Flensburger Tageblatt berichtete gestern mit folgenden Worten über die geplante Schließung des Danfoss-Werkes: "Wut im Bauch. 250 Danfoss-Mitarbeiter kamen gestern nach einem Aufruf der IG Metall zu einer Protestkundgebung vor den Werkstoren zusammen. Die Botschaft: Kampflos will die Belegschaft den Verlust ihrer Arbeitsplätze nicht hinnehmen."

Warum sind die Beschäftigten von Danfoss nicht jeder für sich vor die Verwaltung des Konzerns gezogen? Warum haben sie ihre Wut nicht jeder für sich zum Ausdruck gebracht.

Ich denke, dass hat damit zu tun, dass sie genau wissen, dass ihre Wut verpuffen würde vor Managern, die lediglich das umsetzen, was ihnen die Konzernzentrale in Dänemark vorgibt.

Wer wütend ist, sollte mit seiner Wut in solch einer Situation nicht allein sein.

Das gemeinsame Auftreten, der gemeinsame Protest bietet die Chance, das Beste aus dieser Situation herauszuholen, also die geplante Schließung zu verhindern oder zumindest die Bedingungen dafür in Gestalt eines Sozialplanes für das Unternehmen so teuer wie möglich zu machen.

Wie Wut im Interesse der Betroffenen auf diese Weise kanalisiert wird, das können wir auch bei Opel und Karstadt sehen.

Weitere Fälle werden folgen, gerade gestern hat die Wadan-Werft in Wismar und Warnemünde das Insolvenzverfahren eröffnet, 2400 Arbeitsplätze sind gefährdet, weitere 2700 bei den Zulieferen.

Wer die Bilder der Wadan-Belegschaft bei der Bekanntmachung der Insolvenz heute in der Ostseezeitung sah, der sah vor allem äußerst betroffene, stille Gesichter und in sich gekehrte Wut.

Noch verhindern vielerorts Maßnahmen wie die verlängerte Kurzarbeit die schlimmsten Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise, aber wir rechnen spätestens ab dem Herbst mit einem massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit und mit gesellschaftlicher Wut und Frustration.

Die Konsequenzen einer Politik, die diese Situation mit einer entsprechenden Gesetzgebung - sei es zur Liberalisierung der Finanzmärkte, zum Abbau des sozialen Schutzes, zur Ausweitung des Niedriglohnsektors usw. - mit herbeigeführt hat, schlägt nun auf die gesellschaftliche Realität durch.

Schon vor Wochen haben wir vor sozialen Unruhen gewarnt, und die sind nichts anderes als ein Ausdruck von Wut.

Doch Wut ist oft nur der Anfang, und wenn sie verpufft und nichts geschieht, dann tritt oft Ohnmacht an ihre Stelle.

Wenn ein erheblicher Teil der Gesellschaft davon betroffen ist, dann hat das Auswirkungen darauf, wie eine Gesellschaft funktioniert.

Studien, wie jene berühmte von Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel über die Arbeitslosen aus Marienthal in Österreich, zeigten schon Anfang der Dreißigerjahre im letzten Jahrhundert, wie sich gesellschaftliche Strukturen, Selbstwertgefühl, Motivation und die Lust am Leben angesichts massiver und langer Arbeitslosigkeit auflösen.

Viele Menschen bringen heute - und das ist ein Ergebnis unserer gewandelten Arbeitswelt mit ihren Minijobs, den prekären und unsicheren Jobs - nicht den nötigen Mut auf, sich zu wehren. Bei ihnen kommt es erst gar nicht zur Wut, sie fallen direkt in die Ohnmacht.

Danfoss zeigt aber, dass das nicht so sein muss, und auch aus anderen Ländern haben wir einschlägige Erfahrungen.

Im französischen Clairoix, wo eine deutsche Unternehmerfamilie namens Schäffler am dortigen Conti-Standort den Beschäftigten quasi ans letzte Hemd geht, hat die Belegschaft das Management eingesperrt, um ihre Entlassung zu verhindern.

Das ist vielleicht nicht die feine englische Art in Frankreich, aber mittlerweile verhandeln Belegschaft und Geschäftsführung dort über einen Sozialplan.

Hier wie dort wollen die von Arbeitslosigkeit bedrohten eben nicht nur Objekte von Entscheidungen sein, die aufgrund von betriebswirtschaftlichen und damit vermeintlich objektiven Überlegungen getroffen werden, sondern ihr Schicksal selber in die Hand nehmen.

Wenn sich Wut so zeigt und mündet in eine konkrete Aktion mit einem klaren Ziel, dann ist das doch nur zu begrüßen.

Schlimmer wäre es, wenn die Wut zuerst die Seele, dann den Verstand auffrisst und sich in einem wachsenden Maß von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz äußert.

In manchen Gegenden, und nicht nur in Ostdeutschland, ist das Realität.

Wilhelm Heitmeyer, der Bielefelder Soziologe hat dafür den Begriff Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit geprägt und lotet nun schon im siebten Jahr mit seinem Forschungsteam die Untiefen unserer Gesellschaft aus.

Diese Entwicklung darf man nicht hinnehmen, aber man sollte das nicht nur sagen, sondern man muss konkret etwas tun.

Hier spielen Gewerkschaften und Kirchen eine wichtige Rolle.

Wer aber, wie wir, von sozialen Unruhen redet, der muss auch wissen, was er tun will, wenn es tatsächlich dazu kommt.

Der muss wissen, welche konkreten Angebote und Hilfestellungen er leisten will. Ich bin nicht so sicher, ob das im Fall von Kirchen und Gewerkschaften so klar ist. Wenn ich damit richtig liegen sollte, dann ist höchste Eile geboten.

(Alfons Grundheber-Pilgram)

 DGB Nord


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