PetriVisionen GRENZEN

Naht   02. Mai 2009, 23 Uhr

Schnittstellen

Versuchen wir uns an einer medientechnologischen Interpretation der etwas sperrigen Begriffe Grenze und Naht.

Der Mensch stösst in vielerlei Hinsicht auf Grenzen; nicht nur geographisch, auch bezogen auf Kraft, Ausdauer, Genauigkeit, etc. Daher hat er schon früh Maschinen geschaffen, die ihm unangenehme Aufgaben abnehmen und andere Arbeiten effektiver oder effizienter ausführen. Die komplizierteste Maschine bisher ist der Computer als eine Art Universalmaschine. Computer erobern fast täglich neue Aufgaben in allen Bereichen menschlichen Lebens. Die Einsatzmöglichkeiten scheinen grenzenlos!

Die eigentliche Revolution wurde aber durch die Vernetzung der Computer durch das Internet und das World-Wide-Web ausgelöst. Hier werden Daten mit Hilfe von Hyperlinks "vernäht". Das Flickwerk aus Informationsfragmenten wird zunehmend zu einem schönen Teppich "verwoben". Der Rechner der Zukunft "kann" nicht nur alles, er "weiss" auch alles ....

Zukunftsforscher wie Ray Kurzweil geben bereits relativ konkrete Daten an (ca. 2020), an denen die Komplexität der Elektronikhirne das menschlichen Gehirn übertreffen werden.

"Naht" steht nicht zufällig im Deutschen nahe zu "Nähe". Im Englischen ist es mit "Joint - Joined" genauso. Die Naht verbindet Stoffe an deren Schnittstelle. In der Informatik wird der Begriff "Schnittstelle" verwendet, wenn man die Interaktion von Entitäten beschreiben will - egal, ob zwischen Mensch und Maschine oder zwischen Maschinen. Eigentlich sollte es besser "Nahtstelle" heissen. Im Englischen - die Informatik ist nun mal angelsächsisch geprägt - sprechen wir von "Interface", also der Verbindung zwischen "Gesichtern" oder "Seiten". Dieser Ausdruck erscheint genauso fragwürdig, aber wenigstens poetischer.

An den Schnittstellen findet die Interaktion statt. Dafür gibt es sehr viele verschiedene Methoden - vom frühen Kabelstecken, über Lochkarten, Maus und Tastatur zu immer komplexeren Apparaturen. In letzter Zeit machen die sogenannten "Tangible Interfaces" also die berührbaren Schnittstellen Furore. Bekannteste Beispiele sind sicherlich die sogenannten "Multitouch"-Bildschirme, bei denen man mit allen Fingern gleichzeitig mit den Pixeln der digitalen Welt durch einfache Berührung herumspielen kann.

Ziel ist die Schaffung von immer natürlicheren Interaktionsmustern, bei denen die Apparatur zwar meist immer komplexer, die eigentliche Wirkungsebene aber immer intuitiver wird. Der Rechner selbst wird "unsichtbar" - "Invisible Computing"! Die Interaktion erfolgt "nahtlos" - "Seamless Interaction".

Nahtlose menschliche Kommunikation erfolgt bspw. über Sprache. Diese wird als natürlich und einfach empfunden, obwohl die zugrundeliegende Prozesse und Transformationen extrem komplex sind (Gedanke - Sätze - Laute - Muskelbewegungen - Druckwellen - Membranbewegungen - Flüssigkeitsdruckschwankungen - Haarbewegungen - elektrische Impulse und elektrochemische Reaktionen in Nervenzellen). Darüber kann man eine eigene Vorlesung über ein Semester locker verbraten, doch die Nutzung ist nahtlos: "Hallo, wie geht's - Danke Prima, und selbst?"

Die technische Entsprechung - das Telefonnetz - hat sämtliche geographischen Grenzen überwunden und ist die größte Maschine der Welt. Der kürzliche Ausfall des Mobilfunknetzes von T-Mobile hat gezeigt, wie durch den Wegfall der unsichtbaren Nähte des Mobilfunknetzes auch das soziale Netz zusammenbrechen kann. Wir sind zunehmend auf das virtuelle Netz angewiesen. Der Erfolg der virtuellen Gemeinschaften wie Facebook, MySpace, usw. zeigen die Bedeutung für künftigen Generationen auf. Schon jetzt verbringen Jugendliche mehr Zeit im Internet und am Handy als in der direkten Kommunikation von Angesicht zu Angesicht - Hat das reale "Inter-facing" ausgesorgt? Es wird jedenfalls deutlich, dass die Soziologie der Technologie zurzeit hinterherhinkt.

Interessanterweise ist der visuelle Sinn für den Menschen viel wichtiger als der Hörsinn. Es gibt aber kein Videokonferenznetz mit ähnlicher Verbreitung wie das Telefonnetz. Und zwar nicht aus technischen sondern aus sozialen Gründen. Menschen zögern, zu viel über sich selbst in Form von Bildern preiszugeben. Man kann eben auch im Pyjama "amtlich klingen", aber nicht wirklich "amtlich aussehen". Kommunikation ist also nicht grenzenlos als nahtloser Übergang vom Öffentlichen zum Privaten gewünscht. Es kommt auf den sozialen Kontext (die Textur) an!

Was passiert nun, wenn Maschinen ihren Kontext kennen? Wenn sie ihre Verbindung und Einbettung in die Umgebung begreifen? Wenn sie Ihren Ort kennen, das Datum, die Temperatur, die Anzahl der Personen im Raum und die aktuelle Gemütsverfassung des Nutzers?

Das digitale Netz der Zukunft berücksichtigt die aktuellen Zustände des Nutzers und seiner Umgebung. Man nennt das "Ambient Intelligence" - Umgebungsintelligenz. Im Vergleich zur kontextualisierten Suchmaschine der Zukunft z.B. ist Google wie der Faustkeil im Vergleich zur vollautomatischen Lasergesteuerten Schweißanlage. Das wird die nächste Revolution! Kontextualisierte Dienste finden die nächste Apotheke; bremsen das Auto, wenn der Fahrer einschläft, und schalten die Kamera eben nur dann ein, wenn die Krawatte ordentlich gebunden ist.

Schon jetzt sitzen wir meist nicht mehr VOR dem Rechner, sondern befinden uns quasi IM Rechner aus vernetzten intelligenten Alltagsgegenständen (man spricht vom "Internet of Things" - also vom "Internet der Dinge").

Wir können aber nicht die ganze Welt mit Sensoren pflastern, jedes Ding auf der Welt mit einem Chip versehen. Daher werden wir nicht umhin kommen, uns selbst intelligente und drahtlos agierende Implantate "einzunähen". Für Cochlea, Retina, etc. gibt es ja schon künstlichen Ersatz; bald kommen Gedächtnis-Chips, Brain-Scanner und vieles mehr, das wir uns heute noch gar nicht vorstellen können oder wollen.

Handys signalisieren, wenn eine Person in der Nähe ist, dessen Profil meinem Partner-Wunschprofil entspricht. Das System filtert die Umgebung nach "passenden" Menschen für uns aus. Ein Retina-Display könnte dies viel eleganter und unauffälliger tun. Bei japanischen Kindern werden schon heute Funkchips unter die Haut injiziert. Dadurch wissen Eltern aufgrund eines Lesegerätes in der Tür, wann ihre Sprösslinge im Kindergarten angekommen sind und wann sie ihn wieder verlassen. BIG BROTHER war gestern, TOTAL SURVEILLANCE ist heute der Preis für die Vernetzung.

Bei Dr. Frankensteins Schöpfung waren die Nähte im Gesicht das eigentlich erschreckende. Die heutigen Nähte sind unsichtbar, digital, virtuell, manchmal aber auch ganz praktisch in Form von Implantaten. Wir sind längst selbst zu Frankensteins Kreatur geworden, wir sind Cyborgs! Aber wer weiss, vielleicht sollten wir auch hier nicht den Fehler begehen und das entstandene als Monster verteufeln. Frankensteins "Monster" war doch eigentlich ganz nett, nur ein wenig verloren. Vielleicht sind wir als Cyborgs am Ende sogar die "besseren Menschen" ...

(Prof. Dr.-Ing. Andreas Schrader)

Academic Director ISNM - International School of New Media GmbH


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