PetriVisionen GRENZEN

Haut   07. März 2009, 23 Uhr

O Mensch! Gib acht! Was spricht die tiefe Mitternacht? ...
... alle Lust will Ewigkeit -, will tiefe, tiefe Ewigkeit.

Es ist diese Sehnsucht in der Sprache einer späten und verspäteten Romantik, die nach Durchdringung und Durchdrungenwerden strebt. Eine Sehnsucht, die gewiss ist, dass das Glück im Äußerlichen nicht zu finden sei. Nietzsches Zarathustra und seine erotische Epistemologie. Das, was zählt, kann niemals Oberfläche sein. Die Wahrheit liegt unter der Haut.

Ob das stimmt, darf wohl bezweifelt werden. Denn selbst das Durchdringen und das Erlebnis des Verschmelzens im sexuellen Akt, es grenzt nur - dank Sekret und Blut und Sperma - ... es grenzt nur an die Tiefenwelt. Im Wesentlichen bleibt es Hautkontakt. Wer Tiefe sucht, muss schneiden, stechen, schwer verletzen. Im Biologiekurs, in der Oberstufe, habe ich's das erste Mal konkret erfahren. In der Tiefe eines Frosches findet man keinerlei Einsicht in Würde und Wesen der Froschheit an sich, man findet nur die relative Banalität des biotechnischen Apparats eines Amphibiums, dessen Lebenslust meiner ungewollten Forscherpflicht unterlag. Die Bedingung solcher Erkenntnis ist der Tod.

"In der Tiefe ist Wahrheit", schrieb Paul Tillich, der bedeutende protestantische Theologe. So sehr ich ihn auch kürzlich erst gepriesen habe, angesichts seiner klaren Gedanken in Sachen Grenze und Grat: hier nun irrte er immens. Denn in der Tiefe ist mal Schleim und Glibber, mal Technik, Motorik und Prozess, in der Tiefe ist eine Hardware, die Schaltvorgänge zwischen Null und Eins, Ein und Aus gestattet. Dort Wahrheit, entscheidende Bedeutung zu vermuten, ist nichts als Projektion. Nicht ohne Grund trug das vielleicht boshaft schärfste, in Teilen aber auch sehr scharfsinnige Werk der Kritik gegen die Freudsche Psychoanalyse den Titel "Tiefenschwindel". Wer Tiefen erkundet, setzt sich nicht nur einem Taumel aus. Der öffnet auch der Lüge und der heillosen Spekulationen Tür und Tor.

Die Lust an der Tiefe, sie mag bei Freud noch einigermaßen nüchtern gewesen sein. Seinem Schweizer Kollegen und Konkurrenten C. G. Jung muss man hingegen schon Momente einer Tiefenbesoffenheit attestieren. Archetyp, Symbol und Synchronizität. Es wabert und schwallt unheilvoll in den Tiefenwelten einer sich wissenschaftlich gerierenden Imagination. Kein Wunder, dass Jung später zu einem der wichtigsten Zeugen verblödeter und geschäftstüchtiger Produzenten von Esoterik-Mist wurde.

Oh, ich kann sie nachvollziehen, die Sorge derer, die befürchten, Menschen würden sich nur noch blenden lassen von schönen Äußerlichkeiten - und würden bei aller Liebe zur Erscheinung das Wesen der Dinge aus dem Blick verlieren. Doch wir haben, wenn wir ehrlich sind, nichts als Oberflächen. Und man lasse sich gern von Mathematikern trösten, die gern erklären, dass auch jede Fläche einen Inhalt hat. In die Tiefe weichen wir immer nur gern aus, weil wir an der Beschreibung und Deutung der Oberflächen scheitern und sich unsere Ahnungslosigkeit in behaupteten Urgründen besser mystifizieren lässt. Zählen Sie mal probeweise, wie oft das Wort "tief" in Predigten benutzt wird.

Und wo ist Gott? Wenn mich das Sonnenlicht erwärmt, dann spüre ich das hier, auf meiner Haut. Ich ahne, dass in meinem Inneren die Empfindung empfangen, berechnet und an meine äußeren Grenzen zurückprojiziert wird. Und doch: auch wenn ich mich streicheln oder kneifen lasse: Schmerz, Druck, Dehnung und Thermik sind Erlebnisfelder meiner Oberfläche. Ihrem tieferen und letztlich auch banalen Grund komme ich nur chirurgisch näher.

Als Gilles Deleuze und Félix Guattari ihre philosophische Theorie unter dem Titel "Tausend Plateaus" veröffentlichten, da negierten sie nicht die Möglichkeit einer gemeinsamen Verwurzelung allen Seins. Aber vernünftige Bedeutungszuschreibung lasse sich ihrer Ansicht nach nicht aus einer postulierten Mitte der Wirklichkeit ableiten. Wir leben mit Plateaus, mit Oberflächen. Mit Gesichtern, mit auf papierener Haut verschrifteten Zeichen, mit Komputationen von Bildern.

"Ehre sei Gott in der Höhe"? Nein, denn dort ist nur Überlegenheit und die Demonstration von Macht. "In der Tiefe ist Wahrheit""? Nein, denn die Tiefe ist nur ein Ort der Projektion unserer wabernden Wünsche nach Sinn. "Gott ist in der Mitten", wie die Mystiker dichteten? Nein, denn da ist Technik oder Blut. Martin Bubers Gedanke, dass wir Gott im Anderen, im Gegenüber, im Du erkennen, hat eine Menge für sich. Denn in diesem Szenario besteht die höchste Wahrscheinlichkeit zu den Berührungen der Haut. Touch me! Inflammation at Interfaces. Der poetische Name des Exzellenzclusters unserer Universität könnte auch ein guter Titel sein für eine pfingstliche Theorie des Heiligen Geistes. Schön ist übrigens auch der alte theologische Gedanke, dass wir Gott im Antlitz des Menschen Jesus Christus erkennen.

Ich will unsere Haarfollikelrezeptoren nicht zu Religionsantennen verklären. Ein numinoser Schüttelfrost ist mitnichten ein Gottesbeweis. Aber Gott ist gar nicht mal so anderswo. Gott ist ein Plateau unseres Empfindens, ein Pergament voll Inhalt und Geschichten, eine Oberfläche, auf die wir mit Leidenschaft und Ernst und Spiel die Gedanken unserer Wahrheitssuche schreiben. Gott ist eine ehrliche Haut.

(Pastor Dr. Bernd Schwarze)

Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck


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