PetriVisionen GRENZEN

Haut   07. März 2009, 23 Uhr

Der nackte Affe

Wenn Sie einem Evolutionsbiologen die Laune verderben wollen, dann sprechen Sie ihn mal auf die menschliche Haut an. Am besten ganz naiv: Sagen Sie mal, warum ist der Mensch eigentlich nackig? - Ich kann ihn schon seufzen hören. Und weiß auch warum. Von den 5500 Säugetierarten sind gerade mal eine Handvoll nackt, und von denen hat jeder gute Gründe, wie der Walfisch zum Beispiel, der im Wasser ohne Fell nun mal besser fährt. Alle 192 Primaten tragen brav ihr Fell - nur der 193. Affe tanzt aus der Reihe - der, der sich zu Petrivisionen versammelt.

Wie lange schon?
Bevor wir unseren Biologen weiter mit der Frage nach dem tieferen Sinn hinter der menschlichen Extratour quälen, fragen wir ihn etwas Leichteres: WIE LANGE geht das denn eigentlich schon, dass wir so nackt rumlaufen? - Und jetzt wird er, denke ich, von seinem amerikanischen Kollegen Alan Rogers erzählen, der sich für den Stammbaum eines Gens interessiert, das für die Pigmentbildung in der menschlichen Haut verantwortlich ist, also dafür, dass wir uns vor dem schädlichen Einfluss der ultraviolett-Strahlung schützen können. Wie lange gibt es das Gen schon? - Mindestens 1,2 Mio Jahre, hat Alan Rogers herausgefunden. Und daraus folgt: zu diesem Zeitpunkt muss der Menschen-Vorfahre gerade dabei gewesen sein, sein Fell zu verlieren - andernfalls hätte er nämlich schlicht keinen Bedarf an dem neumodischen Gen gehabt.

Die Läuse-Story
Möglicherweise ist die nackte Haut aber noch viel älter. Pastor Schwarze hat mir versichert, dass man in der Kirche über alles sprechen kann, deshalb traue ich mich, Ihnen die folgende Theorie vorzustellen. Ein amerikanischer Evolutionsgenetiker aus dem sonnigen Florida hat sich vor kurzem mal die Herkunft der Filzlaus angeschaut, die sich ja bekanntlich auf menschliches Schamhaar spezialisiert hat. Und dabei hatte er ein ziemliches Schockerlebnis: Im Gegensatz zur Kopflaus, die uns Menschen seit eh und je treu begleitet hat, stammt die Filzlaus von wo ganz anders her - nämlich vom Gorilla.
WIE sie um alles in der Welt bei uns gelandet ist, weiß kein Mensch und wird auch keiner je wissen, aber WANN - das konnte der Läuseforscher ziemlich genau datieren: vor 3,3 Mio Jahren. Nun - was heißt das für unsere Frage nach der nackten Haut? - Es heißt, so sagt der Läuseforscher, dass der Menschen-Urahn zu diesem Zeitpunkt schon einigermaßen nackt gewesen sein muss - denn sonst wären die Biotope der beiden Menschen-Lausarten - die eine auf dem Haar, die andere zwischen den Beinen, nicht ausreichend voneinander getrennt gewesen, um eine separate Evolution zu gewährleisten.

Der nackte Affe
Egal, welches Datum nun der Wahrheit am nächsten liegt, 1,2 oder 3,3 Mio Jahre - beide Theorien führen zu denselben Schlussfolgerungen:

  • Erstens. Der Mensch war schon längst nackt, als er zum Menschen (also zum heutigen Homo sapiens) wurde - das ist nämlich erst lächerliche 200 000 Jahre her. Vor 1,2 Mio Jahren waren wir gerade vom Wald in die Savanne übergesiedelt, und 3,3 Mio - das ist die Zeit der berühmten Lucy, die im heutigen Äthiopien gerade anfing, den aufrechten Gang auszuprobieren.
  • Die Zweite Schlussfolgerung: Auch der Neandertaler muss nackt gewesen sein. Denn der hat sich - wenn überhaupt - erst vor 250 000 Jahren von unserer Linie abgetrennt.

Jetzt haben wir unseren Biologen aber immer noch nicht gefragt, WARUM der Mensch eigentlich seinen Pelz verloren hat. - Da wir es mit einem ehrlichen Biologen zu tun haben, wird er sagen: "Ich weiß es nicht". Würde uns aber netterweise mit den 35 Hypothesen füttern, die es zu der Frage gibt - die von der Haut als Kühlsystem, die von der relativen Parasitenfreiheit, die vom Wasseraffen und wie sie alle heißen - die aber alle denselben Mangel haben: Sie können nicht erklären, warum die anderen Affen nicht auch auf die Idee gekommen sind, ihr Fell über Bord zu werfen, wenn nackte Haut wirklich die jeweils angepriesenen Vorteile brächte.

Hmm … aber irgendeinen Grund MUSS es doch geben …

Pfauenschwanz Haut?
Nun, wie immer, wenn ein Merkmal keine greifbaren Überlebensvorteile (oder im Gegenteil sogar Nachteile) bringt, drängt sich Biologen der Verdacht auf, dass es vielleicht eine Rolle bei der Partnerwahl gespielt haben könnte. Von dieser "sexuellen Selektion" - wie Biologen diesen Evolutionsmechanismus nennen - wissen wir, dass sie die merkwürdigsten Kapriolen schlagen kann, zu Formen, Farben, Gesängen, Tänzen und Düften führen kann, die es eigentlich gar nicht geben dürfte - Paradebeispiel Pfauenschwanz: er ist überflüssig wie ein Kropf, aber eben für den armen Gockel unverzichtbar, weil die Damen drauf stehen. Ist es vielleicht bei der menschlichen Haarlosigkeit genauso gelaufen? Ist nackte Haut so etwas wie unser Pfauenschwanz? - Es spricht tatsächlich einiges dafür, vor allem unser Verhalten selber.

In allen Kulturen werden Haare am Körper radikal bekämpft, von beiden Geschlechtern, aber ganz besonders von Frauen, die von Natur aus haarloser sind als der Mann. Haare auf dem Kopf - ja DIE werden gehätschelt und gepeppelt, aber Haare sonstwo am Körper - bäh. Fast überall auf der Welt wird und wurde ihnen mit Feuer und Klinge nachgestellt, einschließlich der Achsel- und Schamhaare. Der Natürlichkeitskult der 80er Jahre, der menschlichem Körperhaar gegenüber so freundlich gesinnt war, ist in historischer und ethnografischer Perspektive vollkommen exotisch und währte auch entsprechend kurz.

Heute ist die Haarlosigkeit der Haut wieder zu der alten Obsession geworden, die sie - genauso wie ihre Faltenlosigkeit - schon immer war. Die Menge an Geld, Zeit und Energie, die für eine makellose Hautoberfläche eingesetzt werden, unterstreicht, wie wichtig uns die Botschaft an unsere Artgenossen ist: "Hier kommt ein ganz besonders homo-sapiens-mäßiges Individuum - und jung und gesund noch dazu."
Es ist wohl kein Wunder, dass gerade unsere Haut zur Projektionsfläche unserer Obsessionen und Ängste geworden ist, dass dieses menschlichste unserer Organe so im Zentrum der uralten Menschenangst steht: der Angst vor der eigenen Vergänglichkeit.

(Dr. Ulrich Renz)

 


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