PetriVisionen GRENZEN

Grat   07. Februar 2009, 23 Uhr

"Die Grenze ist der Ort der Erkenntnis." Es kann sein, dass man diese Einsicht früher und intensiver erlebt, wenn man in einer Stadt wie Lübeck aufgewachsen ist. Als Kinder tummelten wir uns gern im Lauerholz. Und unsere Eltern hatten gegen unsere Abenteuerlust nichts einzuwenden. Nur auf die andere Seite der Wesloer Straße durften wir nicht. Jenseits dieser elterlich verfügten Hürde unserer Freiheit gab's da noch die "Schlutuper Tannen", so eine Art Totentanzlokal im Casino einer Munitionsfabrik aus der Nazizeit. Dann kam nur noch ein Schrottplatz, und gleich danach begann das Ende der Welt. Und weiter als bis zum Schild "Halt! Hier Zonengrenze" bin ich wirklich nie gegangen, denn ich wusste, jeder weitere Schritt würde nicht nur aufregend, sondern vielleicht schon tödlich sein. Doch später im Leben ist es mir fast zu einer Obsession geworden: Grenzen erkunden, Grenzen testen und auch mal verletzen: Der Wandel auf dem schmalen Grat zwischen den Welten.

"Die Grenze ist der Ort der Erkenntnis." Dies ist der zentrale Gedanke des autobiographisch geprägten Buches "Auf der Grenze", das der deutsch-amerikanische Theologe Paul Tillich 1962 veröffentlichte. In der Mitte einer Kultur, einer Welt, eines klar definierten Bezugsrahmens mag es sich gut leben lassen. Erkenntnis aber, Einsicht, Fortschritt, kreatives Erkunden neuer Möglichkeiten, erlebt nur, wer an die Grenzen geht. Nur da, wo sich auch Abgründe auftun nach beiden Seiten, Abgründe zwischen Philosophie und Theologie, zwischen Religion und Gesellschaft, zwischen Glaube und Unglaube, nur dort kommt man nach Tillich der Wahrheit nahe.

Als "betwixt and between" bezeichnet der Ethnologe Victor Turner diesen Ort des Übergangs und der Wirklichkeits-Überprüfung. Das Entscheidende geschieht in der Liminalität, in den Schwellen- und Grenzwall-Momenten des Lebens. Gefahrlos sind diese Momente in der Sicht Turners und seines Vordenkers Arnold van Gennep dabei nicht. Es ist hilfreich, wenn die Grenzwanderungen in einer Schutzatmosphäre geschehen, zum Beispiel in der Form eines Rituals. Wer sich nach Turner in einen rituellen Zusammenhang begibt, für den gelten nicht mehr alle Regeln, die das gesellschaftliche Funktionieren außerhalb garantieren. Akteure innerhalb der liminalen Situation können Dinge tun und sagen, die sonst nicht erlaubt wären.

Reden wir über Kirchen. Da sind Mauern, da sind Überwölbungen, da sind architektonische und künstlerische Zeichensysteme, die einen solchen Ritual- und Liminalraum als Schutzraum konstituieren. Das sind beste Voraussetzungen für Gratwanderungen jeder Art. Ich finde es schade, dass man sich in den Inszenierungen des kultischen Dramas auf den Grenzlinien zwischen Himmel und Erde, Leben und Tod, Religion und Kultur fast immer nur auf das Bewährte verlässt und der Blick überwiegend rückwärtsgewandt bleibt. Dass man sich im Wort am besonderen Ort meist positoniert und Standpunkte einnimmt, statt den Grat wirklich zu erwandern, mit allen Problemen und Chancen, die das bedeutet.

Als ich mir nach reichlich vielen Jahren des theologischen Studiums ein letztes Mal die Frage stellte, ob ich als notorischer Grenzgänger mich zu einem Berufsleben innerhalb der Kirche durchringen und entscheiden wollte, da hat mir ein Satz aus dem evangelischen Kirchenrecht sehr geholfen: "Der Pastor / die Pastorin ist in der Verkündigung frei und an Weisung nicht gebunden." So verheißungsvoll indikativisch, fast so schön wie "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Nun, mit der Zeit lernt man, dass es da noch andere Grundsätze gibt und institutionelle Wirklichkeiten, die die Freiheit des geistlichen Weges dann wieder einschränken. Ich habe einsehen müssen, dass es zur Grat-Wanderung um der Wahrhaftigkeit willen vor allem des Rück-Grates bedarf. Kreuz-Schmerzen sind nicht nur ein christologisches, sondern auch pastoraltheologisches Thema. Aber so ist es nun einmal mit indikativischen Verheißungen. Auch was das große Wort von der "Würde" betrifft, so ist das - den Buchstaben nach besehen - vielleicht doch nicht viel mehr als eine groß geschriebene Verbform im Konjunktiv.

Ludwig Wittgenstein hat geschrieben: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt". Das mag stimmen. Um überhaupt ein Wort für die Grenze zu haben, musste die deutsche Sprache sich als Lehnsnehmer bedienen, und wurde dann ausgerechnet im Polnischen fündig: granica.

Was wir nicht ausdrücken können, das hat in unserer Welt auch keine Wirklichkeit. Und wer auf seinen Grenzgängen zur Wahrhaftigkeit Sprache neu erschafft, riskiert, für wahnsinnig erklärt zu werden. Neigung zu Neologismen wird nach dem Klassifikationssystem ICD-10 zu den Symptomen der Schizophrenie gerechnet. Gewiss, der Grat, auf dem man wandert, kann zum scharfen Messer werden, das eine Seele zerschneidet. Und dennoch müssen wir, um die Grenzwege zwischen unseren Welten zu erkunden, stets neue Formen, neue Sprachen erfinden. Poetische, kritische, experimentelle, manchmal auch verrückte. Lehrsätze, die nicht mehr tragen, in Zweifel ziehen; sich in unerforschten Bilderwelten bedienen, um das Unsagbare auszusagen; Gestaltungen eines Dazwischen erfinden.

St. Petri steht seit zwanzig Jahren dafür ein. Es wäre nun hybrid zu glauben, wir hätten damit die Wahrheit ergriffen. Aber dass man in dieser Kirche nicht lügen muss, wenn man den Mund aufmacht, das ist doch schon was. Das ist nicht allerorten so. Mag sein, dass es an Lübeck liegt. Die Stadt der Kompetenzen in Sachen Grenzen.

(Pastor Dr. Bernd Schwarze)

Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck


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