PetriVisionen GRENZEN

Blut   04. April 2009, 23 Uhr

Schwarze: "Christi Blut für dich vergossen". Der Pastor in seinem nüchtern-schwarzen Ornat, der noch wenige Minuten zuvor so aufgeklärt und weltläufig gepredigt hatte, er scheint in andere Sphären einzutauchen. Wird priesterlich in seiner Haltung, in der Geste und im Wort. Psalmodiert die Phantasie von einer Himmelsreise, von den seligen Seraphim, die in das Loblied der Gläubigen einstimmen. "Heilig, heilig, heilig". Schaut den Kommunikanten tief in die Augen, die Stimme wird sanft. Er lächelt gar dabei. Und sagt die martialischen Worte, die von einem Mord und einem Blutvergießen zeugen. In Brot und Wein realpräsent der Gottessohn in Fleisch und Blut. Verschwörerisch hat die Gemeinde teil an einem Opferkult, der bei aller zelebrierten Freundlichkeit auch hochaggressive, beinahe kannibalistische Züge trägt. "Würdig ist das Lamm, das da starb, und hat versöhnet uns mit Gott durch sein Blut."" Es war ein Mensch, kein Schaf.

Gern und oft hat sie sich erhoben, die neue Religion über eine angeblich so rachsüchtige alte Kultur mit ihrem stets vergeltenden und zornigen Gott. Doch wie steht es nun um Liebe, Frieden und Versöhnung in einem neuen Glauben, der so ein bestialisches Opfer braucht, damit ein endlich zufrieden gestellter Gott die Liebe wirken lassen kann? Und ist es nun vorbei mit allem Opfern durch dieses "Ein für Allemal"? Beschwören wir's nicht ständig wieder herauf in jeder kirchlichen Feier und schärfen uns ein, dass es stets eines Opfers bedarf, damit das Gute siegen kann?

Die Kirchentagstheologie hat es sich ziemlich leicht gemacht: Alle an einen Tisch. Wir speisen fröhlich miteinander, so sind wir Geschwister, so sind wir des Herrn. Dem gegenüber skeptisch sind neuere, konservativ anmutende Entwürfe. "Opfer ist eine anthropologische Grundkonstante", liest man da, "das Opfer muss begangen werden, um gebannt zu werden." (H.-M. Gutmann) Brauchte Gott ein Opfer? Und brauchen wir es um der Liebe willen? Das sind Fragen, an denen eine aufgeklärte Theologie noch viel mehr zweifeln und verzweifeln sollte.

Webecke: Am schlimmsten sind für mich die Bilder der Menschen, wenn sie bluten, geschlagen und verunglückt sind. Die treiben mich mehr um als die Begriffe um einen gerechten und trotzdem gnädigen Gott, der das zulässt und den blutigen Tod seines Sohnes braucht.

Jesus formuliert ganz einfach, worauf es ankommt: "Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst." Aber die jüdischen Theologen wollen eine Eingrenzung, eine Definition: Wer ist denn mein Nächster? Und wer nicht? Diesen begrifflichen Disput beendet Jesus mit einer Geschichte. "Ihr kennt doch die große Straße zwischen Jericho und Jerusalem Da ist wieder ein Unfall geschehen: der Packesel scharrt am Straßenrand, da liegt einer im Graben, blutig geschlagen, kleine rote Ströme rinnen über das Gesicht. Ein Überfall."
Viele ziehen einfach vorbei, sie sind berufstätig, auch Professionelle im Tempel-Gottesdienst, Priester und Rechtsgelehrte. Einen Blutenden zu berühren macht unrein. Endlich hielt ein anderer seinen Esel an und stieg ab. Er wusch die Wunden des Opfers, verband sie und brachte ihn in ein Quartier. Dort übernahm er die Kosten. Er war übrigens ein Mann aus Samaria , nicht nur ein Ausländer, er galt als Erbfeind in Judäa. Heute könnte man von einem Palästinenser sprechen.

Was heißt das nun begrifflich, definitorisch? Wenig, aber Jesus hat die Fragestellung umgedreht. Für den, der unter die Räuber gefallen war, ist der Samariter der Nächste geworden, er, der Fremde, der Ausländer, der Palästinenser. Diese Sicht der Dinge hat Jesus Kopf und Kragen gekostet. Er stand zwischen Juden und Nichtjuden, Arm und Reich, gebildeten und nicht anständigen Leuten. Er wurde geschlagen, er verblutete und niemand durfte an ihn heran. Aber seine Geschichte vom Samariter lebt. "Wahrlich, er trug unsere Krankheit und nahm auf sich unsere Schmerzen." Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Schwarze: Die Umkehrung der Frage, der Wechsel in der Perspektive kann eine Hilfe sein. So kommt eine produktive Unschärfe auf, die die Grenzen zwischen Tätern und Opfern, Strafe, Sünde und Heil nicht nur zum Nachteil unklar werden lässt. Nicht allein die Grenzüberschreitung zum so genannten Nächsten hin über alle kulturellen und rituellen Schranken hinweg bläst befreiend frischen Wind in die Vorstellungen von Opferheiligkeit. Auch innerhalb der theologischen Spekulation ändern sich die Konstellationen. Denn wenn man - und das ist sogar dogmatisch korrekt - … wenn man davon ausgeht, dass der, der da am Kreuze starb, derselbe war, der diesen Tod vorhersah und gestattete. Dann hat sich hier Gott selbst zum Opfer gemacht. Aber brauchte Gott und brauchen wir irgendein Opfer, uns zum Nutzen, uns zum Heil?

"Es ist ein Mysterium", sagen Theologen gern als letzte Antwort auf letzte Fragen um Opferkult und Abendmahl. Das glaube ich nicht. Es macht mich sogar wütend, das zu hören. Denn die Faulheit im Denken und die Angst vor wem oder was auch immer, sich einmal kritisch und skeptisch mit Heiligtümern auseinanderzusetzen, findet eine allzu leichte Ausflucht in Geheimnistuerei. "Christi Blut für dich vergossen." Ich habe meine Zweifel. Denn solange wir Opfer zelebrieren, werden wir auch immer Täter imaginieren und geistig repräsentieren müssen. Solange wir eine Sicht der Welt aus Tätern und Opfern brauchen, werden wir auch Blut vergießen. Dass einer sterben musste, der den Menschen Liebe und Mitgefühl erwies und predigte: Tragisch ist das, und es gibt uns zu denken. Aber muss es einen Nutzen haben, braucht das Scheitern einen höheren Sinn? Wissend um unsere eigenen Grenzen, zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Leben und Tod. Dieses Menschen zu gedenken: ist das allein nicht schon genug?

(Dr. Bernd Schwarze und Horst Webecke)

Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck


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