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Blut 04. April 2009, 23 Uhr Im Blut verschränken sich Natur und Kultur auf unauflösliche Weise. In Ritualen und Mythen, medizinischen Praktiken und Werken der Kunst entstehen imaginäre Bilder und Bedeutungen vom Blut, die sich von Kultur zu Kultur unterscheiden. Für die Antike lag das Wesen der Gesundheit in der richtigen Mischung der vier Körpersäfte, die sich bis heute erhalten haben, wenn wir vom Melancholiker sprechen oder Menschen cholerisch finden und einen Phlegmatiker vom Sanguiniker unterscheiden. Über zwei Jahrtausende galt diese Säftelehre, noch bis weit ins 19. Jahrhundert wurden Schöpfköpfe gesetzt und Aderlässe unternommen, um ins Stocken geratenes Blut wider in Gang zu bringen. Auch für die heutige Medizin bleibt Blut ein "ganz besonderer Saft": Im Laufe eines Lebens fließt durch unsere Adern eine Menge Blut, die im Volumen einem Hochhaus entspricht, pro Sekunde verlassen mehr als eine Million frischer roter Blutkörperchen das Knochenmark. Deren Aufgabe besteht darin, Tag um Tag 700 Liter Sauerstoff aufzunehmen, dazu ist ihre Gesamtoberfläche so groß ist wie ein halbes Fußballfeld, das alle paar Minuten durch die Bläschen der Lunge gepresst wird. Aber stopp, dieses Schneller-höher-Weiter rekordverdächtiger Zahlen lenkt ganz davon ab, dass hier gar nicht mehr vom Blut als einer Flüssigkeit die Rede ist, sondern von schwimmenden Zellen. Hinter diesem Wechsel steht der wichtigste Umbruch in der Geschichte der Medizin, denn die antike Anatomie kannte keinen Kreislauf. Erst nachdem Kopernikus die Erde aus dem Mittelpunkt des Sonnensystems verbannt hatte und Luther seine reformatorischen Ideen dank der ebenfalls gerade erfundenen Druckerpresse schnell in alle Winde verbreiten konnte, fing ein junger englischer Mediziner an zu rechnen und kam schnell zu dem Ergebnis, dass er besser die alte Theorie über den Haufen wirft, als aberwitzige Zahlen für richtig zu erklären: Alle paar Stunden sollte die Leber mehr Blut neu bilden, als der ganze Körper wiegt? Das konnte nicht gehen, das Blut musste irgendwie zum Herz zurückkehren. Das Blut floss im Kreis. Das war 1628, und als man dann mit dem auch gerade neu erfundenen Mikroskop den alten roten Saft untersuchte, war Blut plötzlich eine farblose Flüssigkeit, in der zahllose rote Körperchen schwammen. Seither nimmt die Wissenschaft gern für sich in Anspruch, gegen Aberglauben und Irrationalismus nüchtern die Welt zu erklären. Das Thema Blut zeigt, dass so einfach die Sache nicht ist:
Bei der ersten Bluttransfusion auf einen Menschen - das muss so kurz vor Ostern gesagt werden - war übrigens ein Lamm das Opfertier. (Cornelius Borck)
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