PetriVisionen BINDUNGEN

Recht   03. Oktober 2009, 23 Uhr

"Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist und was Gott bei dir sucht: Gerechtigkeit tun, Freundlichkeit lieben und aufmerksam mitgehen mit deinem Gott." (Micha 6,8)

Die biblischen Propheten brachten es ans Licht: Nichts im Leben, nichts ist wichtiger als Gerechtigkeit und Recht. Wenn wir heute davon reden, was eine gerechte Gesellschaft sei und inwiefern sich Rechts- von Unrechtsstaaten unterscheiden, wenn wir streiten über Grundrechte oder gerechten und ungerechtfertigten Lohn, dann sind die Wörter, die wir dafür gebrauchen, zu eher neutralen und interpretationsoffenen Begriffen geworden. Und ihre Sachverwaltung wird dem Staat und der Justiz anheim gestellt. Wird in der politischen oder in der religiösen Proklamation von Recht und Gerechtigkeit gesprochen, haben wir es oft genug mit sympathietauglichen semantischen Big Macs zu tun, die alles und gar nichts bedeuten. Recht und Gerechtigkeit, wo kommen sie her und wer steht dafür ein?

In alter Zeit hatte man es damit offenbar etwas leichter. Gerechtigkeit ist in Gott und kommt von Gott. Wenn der Prophet Amos sein Volk beschimpfte ob des Wohllebens der Reichen und des Geplärrs der frommen Lieder. Wenn er dem entgegnete, das Recht solle doch fließen wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Dann wird darin noch etwas deutlich von der Gotthaltigkeit des rechtsgemäßen Denkens und Tuns. Mispat und Sädäq - eher unvollkommen mit "Recht und Gerechtigkeit" übersetzt - , Mispat und Sädäq waren einmal eigenständige kanaanäische Götter gewesen, die der Gott Israels adoptierte und zu engelähnlichen Wesen machte, zu energetischen Sphären, die die Welt durchströmten und alle Gläubigen zum Guten hin erfrischten. Ma'at in Ägypten, Dikaiosyne bei den Griechen, sogar der kriegerische Tyr als Verwalter des Thing im alten Norden waren solche transzendenten Rechts-Personifikationen. Das Recht, es kam vom Himmel. Spätestens die Tafeln des Mose erlaubten keinen Zweifel mehr daran.

Erst ein Welt- und Menschenbild der Neuzeit brachte die Einsicht, aber auch die Enttäuschung hervor, dass göttliches Recht im Grunde nichts anderes ist als ein an den Himmel projiziertes menschliches Rechtsempfinden. Und dass sich auch himmlisch Verbürgtes der Kritik des Menschengeistes stellen muss. Damit hat man dem alten Recht oft Unrecht getan. Wenn man etwa dem mosaischen "Auge um Auge" herablassend unterstellte, hier habe wohl ein rachsüchtiger Gott das Sagen. Dass dieser Rechtssatz ein enormer Fortschritt im Rechtsempfinden zugunsten einer Verhältnismäßigkeit war, wurde lange Zeit übersehen. Ein verlorener Zahn durfte in der Vergeltung bestenfalls den Zahnverlust des Peinigers bedeuten, aber keineswegs mehr den Verlust seines Lebens.

Göttliches Recht und menschliches Recht. Ein kleiner Vergleich staatstragender Leitsätze und Verfassungspräambeln bringt Erstaunliches hervor. In der Declaration of Independence von 1776 kommt Gott noch als Creator vor. Nur elf Jahre später aber in der Präambel der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika wird Gott ganz bewusst nicht mehr erwähnt. Ausgerechnet eine Gesellschaft, die bis heute in allen Angelegenheiten immer wieder gern Gott als Garanten und Repräsentanten im Munde führt, legte wert auf eine säkulare, aufgeklärte und bekenntnisfreie Grundordnung. Mit den Worten "we, the people" hebt die amerikanische Verfassung an. "Wir, das Volk". Zynische amerikanische Kulturjournalisten haben ja behauptet, McDonald's und die Popkultur hätten die Berliner Mauer zum Einsturz gebracht. "We, the people" lässt hoffen, dass es schon westliche, aber doch edlere Einflüsse waren, die das Ende des DDR-Regimes begünstigten. Das deutsche Grundgesetz nun nennt Gott gleich in der ersten Zeile. "Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen (…) hat sich das deutsche Volk (…) dieses Grundgesetz gegeben." Ich weiß nun nicht, mit welcher Motivation die damals treibenden Kräfte dies befördert und veranlasst haben. Und man darf mit guten Gründen fragen, ob dies nicht ein Rückschritt sei gegenüber anderen Verfassungen, die im Verzicht auf transzendente Legitimation auch prämoderne Weltordnungs- und Machtmodelle in ihre Schranken wiesen.

Ich finde es trotzdem gut, dass Gott einen Platz gefunden hat im grundlegenden Text unserer Gesellschaftsordnung. Das wird Sie vielleicht nicht überraschen. Jedoch motiviert mich nicht mein Kirchenamt oder meine Verpflichtung einem Bekenntnis gegenüber, das so zu sehen. Mich bewegt etwas anderes: Wenn Menschen "Gott" sagen, seien sie kirchlich, irgendwie gläubig oder auch nicht. Wenn Menschen Gott sagen, dann betonen sie die Wichtigkeit, das Nicht-Vorläufige, das Heilige und Schützenswerte an einer Sache. Dann halten sie fest, dass ihre Rede nicht einfach nur dem ganz alltäglichen menschlichen Ermessen folgt und den Bedingungen und Grenzen einer ganz bestimmten Zeit unterworfen ist.

"Vor Gott und den Menschen". Es lohnt sich dafür einzustehen und dafür zu kämpfen, für eine Gesellschaft, in der Recht und Gerechtigkeit wirklich gelten sollen, auch wenn sie vielleicht nicht immer und nicht überall fließen wie Wasser oder ein nie versiegender Bach. Aber fest versprochen sind sie in einer grundlegenden Ordnung. Das walte Gott.

(Pastor Dr. Bernd Schwarze)

Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck


zurueckZurück zur Übersicht