PetriVisionen BINDUNGEN

Freiheit   07. November 2009, 23 Uhr

Freiheit ist eine Illusion. Selbst noch in ihrer manifestesten Form und stolzesten öffentlichen Repräsentation kann sie sich von jetzt auf gleich in Luft auflösen. "Liberty Enlightening the World", diese beeindruckende Statue im Hafen von New York verschwand im Jahre 1985, wenn auch nur für einige Sekunden, in einer Show von David Copperfield.

Freiheit ist eine Illusion. Die Physiker diskutieren noch. Die Neurologen sind sich ziemlich sicher. Eine Illusion. Vielleicht die wichtigste, die heiligste, die wahrhaftigste von allen. Die emotionalste, höchstwahrscheinlich. Würde man eine Gruppe von Probanden mit einer Reihe abstrakter und hoch beladener Begriffe wie "Gerechtigkeit", "Frieden" oder "Hoffnung" konfrontieren und dabei ihren Pulsschlag messen, ich bin mir sicher, nicht "Liebe" und nicht "Zorn", sondern "Freiheit" würde die Herzen am signifikantesten bewegen. "Freiheit", ein großes, starkes, schönes Wort. Die Kunst liebt es. Und auch die Politik. Die Werbung wäre ohne es nicht mehr als eine fade Reklame. Mögen wir auch noch so skeptisch, resigniert und nüchtern sein: Freiheit erwischt uns immer noch und immer wieder. Als Idee, als Sehnsucht, als Duft. Freiheit und Gott haben viel gemein. Ihr Gerücht ist irgendwie nicht auszurotten. Sie werden immerzu behauptet, auch wenn es eher unwahrscheinlich ist, dass es sie gibt.

Adam hatte die Wahl: Er konnte entweder Gott gehorchen oder ihm widerstehen, indem er vom Baum der Erkenntnis naschte. Für diesen Moment, so lehrt die Theologie, war Adam frei. Seine Entscheidung für die Freiheit von Gott jedoch war der Erzählung nach sein Untergang. Hätte er sich besser frei gegen diese Freiheit entscheiden sollen?

In "negativ" und "positiv" differenziert die Philosophie die Strebungen der Freiheit: als "Freiheit von" und "Freiheit zu". Und scheint, den Vorzeichen entsprechend, letztere moralisch zu favorisieren. Aber entspricht das überhaupt der Leidenschaft des Freiheitswillens, sich frei zu einer Bindung, gar noch frei zu einem Gehorsam zu entscheiden? Ich denke, alle großen historischen Momente der Freiheit waren "Freiheit von", waren innerlich bewegt durch Impulse, unterdrückende Bindungen zu bekämpfen, Mauern zu durchbrechen und ungehorsam zu agieren. Geboren aus einem gefährlich übermenschlichen Willen des begrenzten und grenzbewussten Tiers, aus dem Wunsche grenzenlos zu sein.

Um sich auch nur für einen Augenblick als wirklich frei zu empfinden, konnte Adam nur die Sünde wählen, ansonsten hatte er keine Wahl. Doch gerade darin soll der erste Mensch zum Knecht geworden sein, zum Sklaven der Lüste, der Welt und der niederen Mächte. Freiheit ist eine Illusion.

Martin Luther war überzeugt, dass es - wenn überhaupt - für den Menschen nur einen winzigen Moment der Freiheit gäbe, nämlich den, sich zu entscheiden, wessen Diener man zu sein begehre. Weil wir nichts anderes als Lasttiere, Reitpferde entweder Gottes oder des Teufels seien. Und wenn wir uns richtig und gottgemäß entschieden, dann hätten das nicht wir, dann hätte auch das noch Gott selbst in uns bewirkt. Und erst wenn wir dann geistdurchwirkt begriffen, dass in Christi Tod die Grenzen zwischen Gott und Menschen aufgehoben sei, erst dann wären wir wirklich frei.

Ich glaube kaum, dass diese reichlich ambivalente Argumentation auch nur jemals von irgendwem richtig verstanden wurde. Ich glaube kaum, dass sich der befreiende Siegeszug der Reformation aufgrund der Strenge des Gedankens in Bewegung setzte. Nein. Luther hatte "Freiheit" gesagt - und allein das hat die Menschen überzeugt. Und heutzutage scheint es zu genügen, "Kirche der Freiheit" auf evangelische Fahnen zu schreiben, um als Konfession noch glaubwürdig zu sein. Was bei Kreditkarten und Pflegeprodukten funktioniert, wie sollte das bei Gott versagen?

Frei sein für Gott. Kaum zu glauben. Es sei denn, es gelingt uns, unseren Begriff von Gott von all dem Ballast um Gehorsam und Gesetz zu befreien. Es sei denn, es gelingt uns, eine Bindung zu Gott so zu definieren, dass sie sich durch allen Verzicht auf Last und Zucht und Pflicht von allen anderen Bindungen unendlich unterscheidet. Noch ganz dezent hat Luther damit angefangen. Hier muss man weiterdenken. Fromm und glaubenstreu Gott in das Reich verweisen, wo auch die Freiheit wohnt. In das kraftvolle Reich der Illusion. Illudere: ins Spiel bringen. Gott als eine Spielfigur des Geistes, die vielleicht zuallererst die Stimme der Freiheit in uns selber ist.

Religion als Spiel. Ein theologischer Trick? Vielleicht. David Copperfield musste immerhin Fundamente bewegen, um die Freiheit verschwinden und wieder erscheinen zu lassen. Miss Liberty blieb dabei, wo sie war. Es genügte, den Standpunkt des Betrachters ein wenig tanzen zu lassen. Freiheit. Play the game.

(Pastor Dr. Bernd Schwarze)

Dr. Bernd Schwarze ist Pastor für Stadtkirchliche Aufgaben an St. Marien und St. Petri zu Lübeck


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