PetriVisionen BINDUNGEN

Freiheit   07. November 2009, 23 Uhr

Einigkeit und Recht und Freiheit - bei uns kommt die Freiheit zuletzt, bei den Franzosen zuerst: Liberté, Egalité, Fraternité. Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit, dieser Satz von Friedrich Engels wurde uns um die Ohren gehauen, wenn wir in der DDR über die Freiheit nachdenken wollten. Und Rosa Luxemburgs Verdikt, das Freiheit auch immer die Freiheit der Andersdenkenden heißt, haben dann die Oppositionellen in der DDR auf ihre Fahnen geschrieben. Freiheit ist als philosophischer Begriff ebenso vielfältig zu interpretieren wie auch zu missbrauchen: im Namen der Freiheit wurden Viele ihrer Freiheit beraubt oder Arbeit macht frei als zynische Inschrift am Tor eines Konzentrationslagers der Nazis.

Freiheit als individuelles Erlebnis, Freiheit als persönliche Erfahrung ist hingegen etwas völlig anderes und davon will ich sprechen. Ich bin in der DDR aufgewachsen, in einem sehr freiheitlichen Elternhaus. Ist dieses Gefühl, frei zu sein vielleicht etwas Genetisches? Ich erinnere mich, als Schüler einen Aufsatz über das Glück geschrieben zu haben, den ich mit der schlechtesten Note zurückbekam und mit dem Vermerk, dass jeder Satz dem vorhergegangenen widerspricht. In meinem jugendlichen Totalitätsanspruch hatte ich versucht, das Glück als etwas Individuelles zu beschreiben. Benötige ich Geld um glücklich zu sein? Nein. Doch, denn ohne ein klein wenig Geld kann ich mir ja nicht einmal etwas zu Essen kaufen. Und so ging es den ganzen Aufsatz hindurch. Heute bin ich stolz auf diesen Ausflug in eine, meine Lebensdialektik. Ich hatte demonstriert, dass der Widerspruch im Lebendigen eingeschlossen ist, dass der Widerspruch nicht ausgeschlossen werden kann. Und auf diese Weise war ich frei, völlig frei, auch wenn mein Lehrer eher hören wollte, dass man nur im Sozialismus glücklich sein kann. Und wieder der Engels mit der Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit, in die Notwendigkeit von Mauer und Stacheldraht, Stasi und Knast und Ehrendienst in der Volksarmee.

Dass Alles hat mein individuelles Freiheitsgefühl nicht eingeschränkt. Und konsequenterweise habe ich schließlich die DDR verlassen, von Ost-Berlin nach München 1977. Nun war ich in der Freiheit auch äußerlich angekommen und ich muss bekennen, dass ich bis heute diese meine persönliche Freiheit sehr zu schätzen weiß. Und ich bin freiwillig hier - da steckt schon wieder die Freiheit im Wort. Mein individuelles Gefühl von Freiheit war und ist für mich so elementar, dass ich eine Einschränkung dieser körperlich nicht ertragen kann. So war ich nicht beim Militär - schon die Kasernierung hätte ich nicht ertragen. Ich war in keinem Gefängnis. Ich wurde niemals verhört. War das Schicksal mir so gnädig? Oder war einfach mein individuelles Freiheitsgefühl quasi unzerstörbar? Sicherlich habe ich auch Glück gehabt. Mit meinen Eltern zum Beispiel, die mir das Gefühl der individuellen Freiheit als essentiell vermittelt haben.

Und so habe ich offensichtlich auch meinen Beruf gewählt, das kann ich h e u t e sagen. Kunst. Freie Kunst sagen wir im Deutschen sehr richtig - die Angloamerikaner sagen fine art. Freie Kunst ist genauer, weil sie im Gegensatz zu den angewandten Künsten wie Architektur oder Typografie keine praktische Funktion hat. Und so bin ich auch Professor geworden, der sein Lehrgebiet - Kunst und Architektur - frei und selbständig zu vertreten hat, wie es im Arbeitsvertrag heißt - die Freiheit vertraglich! Auch diese Freiheit habe ich sehr zu schätzen gelernt. Und sie kommt nicht ohne Bindungen aus. Diese sind für mich die Wurzeln unserer abendländischen Kultur, die in den Kunstwerken Dauer gefunden haben. Diesen Bindungen fühle ich mich verpflichtet. Und so bin ich frei, ob ich nun in meinem Atelier Bilder male oder am öffentlichen Raum arbeite, ob ich mit meinen Studenten Projekte erarbeite oder eine Vorlesung halte oder ob ich - wie hier in St. Petri - Ausstellungen anderer Künstler inszeniere. Für mich hat das alles den gleichen Rang, ist Ausdruck meiner persönlichen Freiheit. Felix Droese, dessen Arbeiten und die seiner Frau Irmel Droese bis vor wenigen Tagen diesen Raum hier gefüllt haben, sprach einmal von der Kunst als der schönen Konkurrentin der Religion. Und einige seiner Skulpturen hatten den Titel: Das Maß des Körpers. Das kann ich auch im übertragenen Sinn für mich verstehen: Die Freiheit ist in meinem Leib eingeschlossen, in aller Widersprüchlichkeit, zum Beispiel auch sterben zu müssen. Und Freiheit heißt für mich, auch irren zu können. Die kommunistische Ideologie kennt den Begriff Revisionismus als Straftatbestand. Ich hingegen denke, sich und seine Positionen revidieren zu können, ist ein großer Aspekt der Freiheit. Und ich bekenne, dass ich dankbar bin, mich so frei fühlen zu können, so frei hier zu sein.

(Valentin Rothmaler)

 


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