PetriVisionen BINDUNGEN

Einigkeit   05. September 2009, 23 Uhr

Ich war zwölf oder 13, als ich zum ersten Mal in der DDR war. Nach dem Grundlagenvertrag fuhren wir Sommer für Sommer in die alte Heimat meines Vaters. Mit der Tochter seines Schulfreundes verbrachte ich herrliche Zeiten in den Wäldern, beim Baden im See und Fahrradfahren in annähernd autofreien Straßen. Ich genoss die taschengeldfreundlichen Preise für Faßbrause und Eis, da störte auch nicht, dass es nur Schoko und Vanille gab.

Warum ist das Eis so billig und warum heißt die Schokolade "Süßtafel" und enthält fast keinen Kakao? Warum habt Ihr kein Telefon? Und was ist FDJ? Dagmar erklärte alles und fragte mich umgekehrt Löcher in den Bauch über das Leben im Westen. Ich staunte dabei immer wieder, wie gut sie sich auskannte.

Mit 17 war ich in einem Jugendcamp in Bulgarien und verliebte mich in einen Jungen aus Leipzig. Nächtelang redete wir uns die Köpfe heiß über Gemeinsamkeiten und Trennendes in seinem und meinem Land. Auch er war bestens informiert über die "BRD". Dasselbe erlebte ich bei vielen späteren Reisen - die Menschen in der DDR verfolgten genau, was bei uns im Westen geschah, wie man lebte.

In meiner Geburtsstadt an der westlichen Grenze der Bundesrepublik hingegen interessierten sich die Jugendlichen kaum für die "da drüben", die irgendwie grau in grau hinter Mauern lebten, so ähnlich wie hinter dem Mond.

Seit anderthalb Jahren habe ich das Glück, an mein altes Interesse wieder anknüpfen zu können. Ich arbeite für die Stadt Lübeck an dem Projekt "Grenzerfahrungen" und führe viele Gespräche mit Menschen diesseits und jenseits der ehemaligen Grenze über ihre Erfahrungen mit Trennung, Öffnung und Einheit.

Der Eindruck, den ich schon als Kind gewonnen hatte, verstärkt sich dabei. Die Menschen im Osten haben häufiger - wie es in recht eigensinniger Grammatik heißt - "nach dem Westen" geblickt - ob nun sehnsüchtig oder feindselig. Westverwandtschaft wurde gerne empfangen, oft intensiv befragt und natürlich waren auch Konsumgüter aller Art als Mitbringsel willkommen. Wer keinen Besuch bekam, versuchte Brieffreundschaften zu begründen und fast alle, die konnten, sahen Westfernsehen.

Sicher entsprach das Bild, das man sich auf diese Weise von der bundesdeutschen Gesellschaft machte, nicht der Realität. Aber das Interesse war da. Von westdeutscher Seite sah das anders aus, mit dem Leben in der DDR befassten sich am ehesten ältere Menschen oder diejenigen Bundesbürger, die dort Angehörige hatten. Für viele andere lag die DDR kaum im Fokus.

Anders war das natürlich in einer Stadt wie Lübeck, der einzigen Großstadt an der innerdeutschen Grenze mit jahrhundertelang gewachsenen Verbindungen zu den Nachbarn hinter dem Zaun. Lübeck war unmittelbar betroffen, einige Ortsteile lagen in Sackgassen, die Stadt erhielt Zonenrandförderung und auch durch den ansässigen BGS war die Grenzlage immer präsent. Hier war das andere Deutschland Thema.

Entsprechend intensiv ist hier auch der Zusammenbruch der DDR erlebt worden. Als sich die Grenze öffnete, taumelte Lübeck in einen wochenlang anhaltenden Zustand der Euphorie. Herr Bouteiller hat davon erzählt. Die Anteilnahme und Hilfsbereitschaft der Lübecker war riesig. Aber es war mehr:

Hier und andernorts entstand Aufbruchsstimmung. Vieles schien machbar, bürokratische Hürden wirkten lächerlich angesichts der Kraft einer friedlichen Revolution, die soeben den Eisernen Vorhang niedergerissen hatte. In vielen Köpfen entstanden Visionen von einer neuen gemeinsam gestalteten Zukunft.

Doch die Visionen blieben weitgehend Visionen. Diverse innen- und außenpolitische Erwägungen und Sachzwänge führten dazu, dass die DDR auf dem Wege des Beitritts die Bundesrepublik vergrößerte. Bis heute bedauern viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, dass es keine neue Gesellschaftsordnung auf der Grundlage eines demokratischen Prozesses des Austausches und der Annäherung gegeben hat. Hier findet sich ein wesentlicher Unterschied zwischen Einheit, welche ein fester Zustand ist, und Einigkeit, die eher prozessual immer wieder neu errungen werden muss.

Die Freude über die Einheit ist bei den meisten groß. "Man kann für die Einheit nur dankbar sein, wer was anderes sagt, der steht nicht im Leben." Oder auch: "Das ist ein ganz großer Gewinn, dass es so gekommen ist. Es gibt ja viele, die sagen, was kostet das alles, was hat das gekostet? Ich finde, das ist gar nicht zu bezahlen." Aber wie steht es um die Einigkeit? Was zeichnet einen Prozess aus, in dem sie definiert und gefunden wird?
- Er bedarf zweier gleicher Partner. Ansonsten wird überredet, übergestülpt oder gar erzwungen.
- Es bedarf eines ehrlichen Interesses aneinander - wie in einer Ehe, die sich immer wieder erneuert.

Hier komme ich noch einmal auf meine eingangs geschilderten Erfahrungen zurück, denn noch immer scheint mir das Interesse nicht gleichmäßig verteilt. Die Ostdeutschen, mit denen ich gesprochen habe, haben mir mit sehr großer Freude ihre Geschichten erzählt, aber auch manchmal Zweifel geäußert, ob das denn jemand hören oder lesen wolle. Offenbar haben sie die Erfahrung gemacht, nur selten von Westdeutschen als Experten für ihr eigenes Leben, für ihre Lebensgeschichte wahrgenommen zu werden. Nicht umsonst ist im Einheitsjahr auch der Begriff des "Besserwessis" entstanden.

Doch die für uns Westdeutschen so ganz anderen Biografien der Menschen aus der DDR besser kennen zu lernen, zu würdigen und die daraus entstandenen Identitäten wert zu schätzen, ist eine unabdingbare Voraussetzung für einen partnerschaftlichen Einigungsprozess. Die Visionen von 1990 sind unwiederbringlich dahin, es ist fraglich, ob sie historisch realisierbar gewesen wären. Doch noch immer ist Raum zur Gestaltung der Einigkeit, denn sie ist nicht Einheitlichkeit, sondern birgt Raum für Andersartigkeit im Austausch.

(Dr. Karen Meyer-Rebentisch)

 


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